Verhipstert.

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Das Café Wahlen in Köln ist bekannt für hervorragenden Kuchen und authentische 50er Jahre Atmosphäre. Interieur und Tapeten machen in Kombination mit den in pastellfarbene Kleidung gehüllten Damen ist eine Zeitreise erschwinglich. In einer Phase der Rückwärtsgewandtheit beschloss ich daher, diesen Ort aufzusuchen. Schon aus 50m Entfernung musste ich feststellen, dass ich nicht die einzige ›junge Dame‹ war, die dieses Bedürfnis verspürt hatte. Das Café war voll mit jungen Hipstern, einige ältere Damen und Herren mussten wie ich auf einen Tisch warten während Bio-Mütter im Innenraum ihre Babys stillten und Magazinlesende sich ihre Hornbrillen zurecht rückten. Der Blick durch selbige dürfte sie enttäuscht haben, denn offenbar war die ›Gentrifizierung‹ des Cafés schon so weit fortgeschritten dass nicht nur die auf Distinktion bedachten Hipster das Café aufsuchten, sondern auch die, von denen man sich so gern positiv durch Hippness abgegrenzt hätte. Junge, gewöhnlich gekleidete Menschen, laut lachend und offenbar in Event-Stimmung fläzten sich ebenso an den Tischen.

Zwei Fragen schossen mir bei diesem Szenario in den Kopf: Wo gehen die Omas jetzt hin? Ins Altenheim-Café? Und werden die Hipster ihnen folgen? Ich kam zu dem optimistischen Schluß, dass sich unter den Hipstern schnell herumsprechen wird, dass das Café Wahlen inzwischen von zweifelhaften Gestalten aufgesucht wird und sie sich daraufhin zurück ziehen werden. In Folge werden eben jene zweifelhafte Gestalten auch nicht mehr kommen, denn der Hip-Faktor ist nicht mehr gegeben. Bleibt zu hoffen, dass die eleganten alten Damen bis dahin durchhalten und sich bald wieder an ihrer Sahnetorte erfreuen können.

 


Dissertationen im Copy-Shop

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Was sagt dieses Bild über Dissertationen? Das man sie wie Kopien kaufen kann, oder dass neuerdings in einem abgelegenen Düsseldorfer Stadtteil tagtäglich Menschen mit zu bindenden Dissertationen herumlaufen? Und was wäre beunruhigender?

 


Internat für Designer

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Designern geht es gut. Ich erlebe es täglich an der Universität. Unser Gebäude ist das einzige, das über gut gestaltete Armaturen, funktionale Türklinken etc. verfügt; der Rest der Universität zeigt größtenteils und oft eindrucksvoll die schlimmen Folgen schlechter Gestaltung.

Natürlich fühle ich mich durch diese Bevorzugung geschmeichelt – aber ist sie sinnvoll? Auf den ersten Blick ja, sind doch unsere Augen und Funktionalitäts-Sensoren sehr empfindlich und die damit verbundene Frustrationsgrenze niedrig. Trotzdem möchte ich fragen: Wäre es nicht förderlicher, Designer mit einer schlecht gestalteten Welt zu konfrontieren? Mit Wasserkochern, bei denen man sich die Finger am aufsteigenden Wasserdampf verbrennt, wenn man das Wasser ausschüttet. Mit nervig blinkende Lichtern an Monitoren und Telefonen. Mit Knöpfen, die keinen Hinweis darauf geben, ob das Drücken selbiger registriert wurde. Kurz: Mit all dem, was es trotz einer nicht geringen Zahl von ausgebildeten Designern immer noch gibt. Ich halte es für sinnvoll, im ersten Semester wenigstens einen Wochenendausflug in eine entsprechend präparierte Umgebung zu machen.

(Nahezu resigniert schnaubend muss ich allerdings auch zugeben, dass all diese nervigen und gefährlichen Produkte vermutlich nicht von ausgebildeten Designern stammen, sondern Ausdruck der immer noch unbefriedigenden Professionalisierung sind. Zu viel darf von Menschen ›gestaltet‹ werden, die nur auf die Produktion, nicht auf den Nutzer schauen. Aber das ist ein anderes Thema.)


Deutsche Weihnachten

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Dieses Jahr verschickten wir als Weihnachtsgruß das Foto eines übertrieben kitschig-weihnachtlich dekorierten Hauses. Sogleich wurde ich von diversen Amerikanern gefragt, ob dies eine typisch deutsche Dekoration sei. Als Innenstadt-Bewohnerin verneinte ich entschieden. Derartiges würde in Deutschland als schamlos abgelehnt. Heimgekehrt ins Ruhrgebiet wurde ich sogleich eines Besseren belehrt, denn neben minimalistisch ›modernen‹ Buddha-Arrangements

finden sich hier auch mit Weihnachtsdekoration überhäufte Häuser. Als ich dann auch noch das Geräusch eines Elektromotors vernahm, war ich endgültig verzückt – sollte es etwa sogar bewegliche Teile geben? Schlittenfahrende Weihnachtsmänner entlang der auf genormter Traufhöhe angebrachten Regenrinne? Nein. Es waren bloß die elektrisch und gewiss mit Zeitschaltuhr getimten Rollläden, die herunter fuhren. Um 17.18 Uhr. So wird aus der importierten amerikanischen Kultur ein wahrhaft deutscher Weihnachtszauber, wie schön.


Work Hard – Play Hard

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›Das kannst du dir ergebnisoffen überlegen‹ hörte ich jemandem am Zug in sein Mobiltelefon sagen. Und wurde auf diese Weise an den hervorragenden Film ›Work Hard – Play Hard‹ erinnert. Ich wage es kaum, ihn einen Dokumentarfilm zu nennen, denn obgleich es im Grunde eine kommentarlose Zusammenstellung von Szenen aus Bewerbungsgesprächen, Evaluationen, Meetings etc. ist, stellt er die neue, schöne Arbeitswelt in bissiger Weise dar. Die teamgerechte Architektur, flexible Arbeitsplätze, Manager-Jargon – ich selbst hatte mehr als eine halbe Stunde lang eine Sprachstörung als ich den Film verließ. Man freut sich über die wenigen non-konformen Mitarbeiter, hat aber gleichzeitig das Bedürfnis zu rufen: ›Nein, Du musst das und das sagen!‹ In erwartbarer aber dennoch deprimierender Weise versagt die Architektur, die Mitarbeiter bleiben unmotiviert und die ergreifenden Ansprachen der Chefs verpuffen in ablehnenden Gesichtern. Der Arbeitsalltag zerstört die allzu optimistisch in Coaching-Hirnen ausgedachten Ideen, der Mensch bleibt Mensch, Arbeit Arbeit.

Worte können es kaum fassen, besser anschauen – und nicht nur den Trailer:

http://www.workhardplayhard-film.de

 


Gibt es ein Selbst-Plagiat?

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Finde nur ich das merkwürdig übertrieben? Jonah Lehrer entschuldigt sich öffentlich dafür, daß er seine eigenen Gedanken mehrfach verwendet? hier

Da drängt sich die erschreckende Erkenntnis auf: Gedanken werden inzwischen verkauft. Sie sind eine Ware, ein Produkt. Wer etwas für ›wired‹ gedacht hat, darf nicht einfach das Selbe für den ›New Yorker‹ denken.

But what about Style? Uwe Loeschs Arbeiten erkennt man auch sofort als die seinen. Darf ich ihn deshalb jetzt verklagen? Ich werde vorsichtshalber ab jetzt Fußnoten mit mir herumtragen.


Sprachverwirrung. Oder: Die Maßstäbe von Designern

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Freudig durchblätterte ich die neue Form, erleichtert, daß sie der Designwelt erhalten bleibt und stieß gleich auf eine Bestätigung dafür, daß wir Designer eben in einer Welt nach unseren Maßstäben leben.

Dort stand nämlich, Ueble habe für den neue Konzernsitz von Adidas ›überlebensgroße Buchstaben‹ im Gebäude angebracht. Ich fragte mich: Wie groß ist denn so ein lebender Buchstabe? … Und war natürlich entzückt, daß der Autor des Artikels offenbar Buchstaben als gleichwertige (oder zumindest gleich große) Mitbewohner dieser Welt betrachtet. Ich wünschte bloß, es gäbe mehr freilaufende Buchstaben – das Stadtbild würden sie in vielen Fällen wohl mehr aufwerten, als viele der freilaufenden Menschen dies tun. Was mich auf das Buch ›Der Helvetica Mann‹ von Klaus Hesse bringt, in dem er Charakteren Schriften zuordnet – übrigens ein herrlicher Zeitvertreib für lästige Zugfahrten in überfüllten Regionalexpressen (way too much Comic Sans and Rotis). In diesem Sinne: Würde bitte jemand diese Arial-Hipster vertreiben? s.u.

 


Helvetica vs. Arial / Designer vs. Freizeithipster

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Eine süchtig-machende App: Unter Zeitdruck muß man entscheiden, ob es sich bei der gezeigten Schrift um Arial oder Helvetica handelt. Hinterhältig wird die Helvetica manchmal so schlecht spationiert, daß man sie kaum erkennt, was einen Moment der Scham nach sich zieht, denn wer sich wie ich lautstark gegen die Arial wehrt, sollte sie doch wenigstens treffsicher erkennen können, oder? Verstärkt wird dieses Gefühl durch die Tatsache, daß man – nachdem zunächst Worte, Namen und Phrasen aus dem Designerkontext als Schriftbeispiel gezeigt werden – plötzlich gesagt bekommt ›What a boring life you must have to get such an App‹. Pöh. Trotzdem: unbedingt spielen! Gibt’s hier.

Weniger leicht wird es, diesen Unterscheidungs-Modus – wie oben vorgeschlagen – auf Menschen zu übertragen: Bis vor wenigen Jahren war es leicht, meine Peergroup zu erkennen. Auf Partys wußte man gleich, mit wem man auf jeden Fall interessante Gespräche führen kann etc. Heute denke ich oft: Oh, der ist sicher auch Designer. Und es stellt sich heraus, daß es ein Psychologe oder, viel schlimmer: ein Unternehmensberater im Freizeit-Look ist (und versuch’ dann mal, aus dem Gespräch wieder rauszukommen – das sind schrecklich monologisch veranlagte Menschen!). Offenbar versagt also meine Zeichen-Erkennung, weswegen ich mir sogleich das bei Amüsement-Bedarf sehr empfehlenswerte Buch ›Hip‹ von Josh Aiello zu Gemüte geführt habe. Darin werden die unterschiedlichen Typen von Hipstern als Gattung (mit Anlehnungen an den Biologie-Sprachstil) charakterisiert, u.a. erwähnter Feierabend-Hipster.

 


Datensammler

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Ein Datensammler? So etwas in Zeiten wie diesen neben meiner Wohnung aufzuhängen löst ein Gefühl der Bedrohung aus, das es zuletzt in DDR-Zeiten gab!

 


Hygienewahn

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Alle sprechen von ihr, überall ist sie zu sehen, Preise regnen auf sie hernieder: Die Rinser Toothbrush. Die Idee: Eine Zahnbürste, in sich als Fontäne nutzen lässt. Deutschland ist nicht unbedingt das Land, in dem Fontänen als Wasserspender verbreitet wären, dennoch gibt es einen Red Dot, denn es geht natürlich nicht darum, zu trinken, sondern darum, sich den Mund auszuspülen. Dafür braucht man normalerweise einen Becher, oder aber – und dies ist nach meiner nicht haltbaren empirischen Forschung häufige – man benutzt die eigene Hand als Auffangbecken, aus dem man anschließend trinkt. Das ist nun, Designer sei Dank, nicht mehr nötig, endlich muss man nicht mehr die eigene, wohlmöglich schmutzige Hand mit den Lippen berühren und Wasser, das sich in ihr befand, in den Mund aufnehmen. Welch eine Erleichterung. Ein weiter Schritt Richtung Keimfreiheit. Ich berichtete bereits davon, wie eine Mutter ihrem Kind sagte: ›Wenn da nur ein Seifenstück liegt, benutz’ es nicht, nimm nur Seife aus einem Seifenspender.‹ Hände und Dinge, die andere Menschen angefasst haben, sind offenbar höchst gefährlich. Ich kann das nachvollziehen, ich fahre nie mit der Deutschen Bahn, ohne ein Desinfektionstuch bei mir zu tragen. Ich wünschte bloß, daß sich noch ehe der Hygienewahn krankhaft wird einfach mal durchsetzen würde, daß man im Zug nicht alle erdenkliche Energie darin investiert, möglichst viel Schleim bei geöffnetem Mund aus den Lungen hoch zu husten. Vielleicht nehme ich demnächst eine Rinser Toothbrush mit und sprinkele mit ihr Mundwasser in die entsprechenden Münder.