Klug …

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… und ernüchternd schrieb Horst Rittel in Die Denkweise von Designern:

›Einschränkungen sind entschiedene, ausgewählte und selbst auferlegte und nicht aufgezwungene, abgeleitete oder logische Notwendigkeiten.‹

Leider seien viele Designer und Auftragegeber geneigt, dieser epistemischen Freiheit durch Imagination eines sogenannten Sachzwangs zu entfliehen. Weil die Mehrheit etwas wolle, müsse man es ihr auch geben. Dies sei aber keineswegs so, man könne auch Alternativen entwickeln, die wahlweise das vorhandene Bedürfnis auch befriedigen, oder es transformieren. Erhöhter Strombedarf rechtfertigt also nicht den Bau von Atomkraftwerken, um ein plumpes Beispiel zu nehmen.

Ich selbst erinnere mich daran, wie verblüfft ein Freund aus der Finanzwelt war, als ich auf die Schwerkraft fluchte. Er erkennt die Schwerkraft als feste Größe an, bei mir hingegen verdichten sich nach jedem zu Boden gefallenen Gegenstand meine Pläne für ein besseres Leben im Weltall. Heute erkenne ich darin stolz mein Designer-Denken.


Work Hard – Play Hard

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›Das kannst du dir ergebnisoffen überlegen‹ hörte ich jemandem am Zug in sein Mobiltelefon sagen. Und wurde auf diese Weise an den hervorragenden Film ›Work Hard – Play Hard‹ erinnert. Ich wage es kaum, ihn einen Dokumentarfilm zu nennen, denn obgleich es im Grunde eine kommentarlose Zusammenstellung von Szenen aus Bewerbungsgesprächen, Evaluationen, Meetings etc. ist, stellt er die neue, schöne Arbeitswelt in bissiger Weise dar. Die teamgerechte Architektur, flexible Arbeitsplätze, Manager-Jargon – ich selbst hatte mehr als eine halbe Stunde lang eine Sprachstörung als ich den Film verließ. Man freut sich über die wenigen non-konformen Mitarbeiter, hat aber gleichzeitig das Bedürfnis zu rufen: ›Nein, Du musst das und das sagen!‹ In erwartbarer aber dennoch deprimierender Weise versagt die Architektur, die Mitarbeiter bleiben unmotiviert und die ergreifenden Ansprachen der Chefs verpuffen in ablehnenden Gesichtern. Der Arbeitsalltag zerstört die allzu optimistisch in Coaching-Hirnen ausgedachten Ideen, der Mensch bleibt Mensch, Arbeit Arbeit.

Worte können es kaum fassen, besser anschauen – und nicht nur den Trailer:

http://www.workhardplayhard-film.de

 


Spruch des Tages …

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… von Kurt Schwitters:

›Die Werbeleute denken immer, daß andere Leute auch dächten, und daß andere Leute, wenn sie denken, genau so wie sie dächten, dabei denken sie aber vorbei. Besonders denken sie dann aber vorbei, wenn sie denken, daß andere dächten, bevor sie gesehen haben.‹

Kurt Schwitters: Gestaltende Typographie. In: Sturm, Sonderheft Typographie, Jg.19, Heft 6, 1928, S.265–279

 


Derrière-Garde statt Dernier-Cri

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Auf eine Party zu kommen, auf der jemand das gleiche Kleid trägt, wie man selbst, ist immer unangenehm. Besonders unangenehm ist es allerdings, wenn man nicht bei H&M, sondern bei einem kleinen, hippen Label eingekauft hat. Ähnlich muss es den Urhebern dieser beiden Plakate gehen. Die jungen Studenten, die von Marktbedürfnissen noch unbescholtenen, ungehemmt Kreativen, ausgerechnet die haben keine einzigartigen Ideen mehr? Und schlimmer noch: Das Schauspielhaus Wuppertal verwendete diese Technik schon in der vorletzten Spielzeit. Zu nah, um von Retro zu sprechen, nah genug, um als Spätmerker gebrandmarkt zu werden.

Bleibt immer noch die Möglichkeit, alles auf die Medien zu schieben. fffound etc. führen dazu, daß Studenten nur noch Bilder gucken, statt Ideen denken, bewusst oder unbewusst plagiieren statt quer zum common sense zu gestalten. Stimmt das? Und wenn ja, ist das schlimm? Kann sein, muss aber nicht, vgl. dazu den Artikel von Steven Heller in ff. Erinnerung. Dort schreibt er klug über die Balance zwischen dem Muß, kulturell lesbare Bilder zu verwenden und dabei doch immer ein bißchen am Erwartbaren vorbei zu gestalten.


Helvetica vs. Arial / Designer vs. Freizeithipster

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Eine süchtig-machende App: Unter Zeitdruck muß man entscheiden, ob es sich bei der gezeigten Schrift um Arial oder Helvetica handelt. Hinterhältig wird die Helvetica manchmal so schlecht spationiert, daß man sie kaum erkennt, was einen Moment der Scham nach sich zieht, denn wer sich wie ich lautstark gegen die Arial wehrt, sollte sie doch wenigstens treffsicher erkennen können, oder? Verstärkt wird dieses Gefühl durch die Tatsache, daß man – nachdem zunächst Worte, Namen und Phrasen aus dem Designerkontext als Schriftbeispiel gezeigt werden – plötzlich gesagt bekommt ›What a boring life you must have to get such an App‹. Pöh. Trotzdem: unbedingt spielen! Gibt’s hier.

Weniger leicht wird es, diesen Unterscheidungs-Modus – wie oben vorgeschlagen – auf Menschen zu übertragen: Bis vor wenigen Jahren war es leicht, meine Peergroup zu erkennen. Auf Partys wußte man gleich, mit wem man auf jeden Fall interessante Gespräche führen kann etc. Heute denke ich oft: Oh, der ist sicher auch Designer. Und es stellt sich heraus, daß es ein Psychologe oder, viel schlimmer: ein Unternehmensberater im Freizeit-Look ist (und versuch’ dann mal, aus dem Gespräch wieder rauszukommen – das sind schrecklich monologisch veranlagte Menschen!). Offenbar versagt also meine Zeichen-Erkennung, weswegen ich mir sogleich das bei Amüsement-Bedarf sehr empfehlenswerte Buch ›Hip‹ von Josh Aiello zu Gemüte geführt habe. Darin werden die unterschiedlichen Typen von Hipstern als Gattung (mit Anlehnungen an den Biologie-Sprachstil) charakterisiert, u.a. erwähnter Feierabend-Hipster.

 


Hygienewahn

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Alle sprechen von ihr, überall ist sie zu sehen, Preise regnen auf sie hernieder: Die Rinser Toothbrush. Die Idee: Eine Zahnbürste, in sich als Fontäne nutzen lässt. Deutschland ist nicht unbedingt das Land, in dem Fontänen als Wasserspender verbreitet wären, dennoch gibt es einen Red Dot, denn es geht natürlich nicht darum, zu trinken, sondern darum, sich den Mund auszuspülen. Dafür braucht man normalerweise einen Becher, oder aber – und dies ist nach meiner nicht haltbaren empirischen Forschung häufige – man benutzt die eigene Hand als Auffangbecken, aus dem man anschließend trinkt. Das ist nun, Designer sei Dank, nicht mehr nötig, endlich muss man nicht mehr die eigene, wohlmöglich schmutzige Hand mit den Lippen berühren und Wasser, das sich in ihr befand, in den Mund aufnehmen. Welch eine Erleichterung. Ein weiter Schritt Richtung Keimfreiheit. Ich berichtete bereits davon, wie eine Mutter ihrem Kind sagte: ›Wenn da nur ein Seifenstück liegt, benutz’ es nicht, nimm nur Seife aus einem Seifenspender.‹ Hände und Dinge, die andere Menschen angefasst haben, sind offenbar höchst gefährlich. Ich kann das nachvollziehen, ich fahre nie mit der Deutschen Bahn, ohne ein Desinfektionstuch bei mir zu tragen. Ich wünschte bloß, daß sich noch ehe der Hygienewahn krankhaft wird einfach mal durchsetzen würde, daß man im Zug nicht alle erdenkliche Energie darin investiert, möglichst viel Schleim bei geöffnetem Mund aus den Lungen hoch zu husten. Vielleicht nehme ich demnächst eine Rinser Toothbrush mit und sprinkele mit ihr Mundwasser in die entsprechenden Münder.

 


Sprich mit mir! Bitte, Bitte sprich mit mir!

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Gutes Design ist immer schön anzuschauen. Darum ist auch das Kunstgewerbemuseum in (setzen sie hier einen Städtenamen ihrer Wahl ein, denn sie sind alle gleich) einen Besuch wert. Wer allerdings in Sachen Designgeschichte bewandert ist, sollte es meiden, denn er wird enttäuscht sein, die ewig gleiche Aufreihung der Klassiker auch hier wieder abschreiten zu dürfen. Doch nein, ich korrigiere meinen ersten Eindruck, Wissende dürfen das Museum besuchen. Aber die Unwissenden, die sollen bitte nicht hinein gehen. Denn ihnen wird ein völlig falscher Eindruck von Design vermittelt. Es wirkt langweilig, vergangen und selbst mit farbiger Oberfläche und durchgefärbtem Kunststoff irgendwie grau. Von Podesten hält man hier nichts, vielleicht, weil man Design ja nicht auf ein Podest heben soll, denn es ist ja ein Gebrauchsgegenstand. Dann erwarte ich aber auch Konsequenz. Dann will ich ein tolles Ausstellungskonzept inklusive pädagogischem wohlmöglich sogar aufklärerischem Impetus, Erklärungstafeln etc. wie man es im Naturkunde- und Technikmuseum kennt. Aber nein, diese Konsequenz verweigert das Museum, Design wird zwar nicht auf ein Podest gestellt, aber dennoch so wortlos präsentiert, wie es nur Kunst verträgt. Das Problem: Design erschließt sich nicht rein sinnlich. Die Museen sollten voll sein mit Industriedesignern, die erklären, warum die Dinge so aussehen. Und mit Kulturwissenschaftlern. Design beeinflusst so vieles und ist von so vielem beeinflusst, aber das steht nicht drauf, dass muss man wissen. Design braucht Vermittlung! Bitte!

Die Dringlichkeit dieser Bitte liegt nicht zuletzt darin begründet, daß dem Design vorgeworfen wird, nur Oberfläche zu sein. Und genau dies wird durch die Designmuseen, die doch zur Aufklärung verpflichtet wären, untermauert.

Bitte, Ihr Planer des neuen Designmuseums in Frankfurt, beerdigt das Konzept des Kunstgewerbemuseums, zertrümmert die Vitrinen und die die Chronologie!

 


Design+Wissenschaft=?

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Designwissenschaft. Was soll das eigentlich sein? An Selbstbefragung mangelt es nicht, ebenso wenig an Publikationen, Symposien etc. die versuchen, eine genuine und sauber abgegrenzte, wissenschaftlich fundierte und möglichst schnell zu etablierende ›Designwissenschaft‹ zu konstituieren oder wahlweise als längst vorhanden zu enthüllen. Viel schöner als ich es je könnte formuliert Matthias Götz die Ausweglosigkeit und Überflüssigkeit solch krampfhafter Bemühungen – glücklicherweise hat auch er inzwischen einige Schüler, mögen sie lautstark sein.

Den Artikel ›WER HAT ANGST VOR PARA DOXEN? ABGRÜNDE DES DESIGN UND DAS DESIGN VON GRÜNDEN‹ gibt es hier zu lesen.

 


Architektenmöbel – Von Aalto bis Zumthor

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Der Titel macht Hoffnung – von A bis Z, alles umfassend, endlich ein Blick auf Design, wie er in Museen zu selten gewagt wird. Zumal das Kölner Museum für angewandte Kunst mit der Präsentation der Sammlung Winkler bereits gezeigt hat, daß es Designpräsentationen abseits der Kunstgewerbe-Vitrinenschau geben kann.

Doch die aktuelle Sonderausstellung bleibt weit hinter den Erwartungen zurück. Schön anzusehen ist sie, wie könnte es auch anders sein – wohlgeformte Möbel auf Podeste stellen, noch dazu vor der tollen Riesen-Regal-Wand des MAKK, was soll da schief gehen? Aber schon für Texttafeln hat es leider nicht mehr gereicht. Zwar gibt es Banner mit den Namen der Architekten darauf, aber über ein ›Voilá‹ geht die Ausstellung nicht hinaus. Auch die Rede der Kuratorin bringt keinerlei tiefgreifende Erkenntnis. Das Ergebnis ihrer Forschung scheint zu sein, daß Architekten gerne kubische Sessel á la LC2 gestalten. Ganze 7 Stück hat sie gefunden. Vielleicht ist diese Herangehensweise dadurch zu entschuldigen, daß die Kuratorin Mittelalter-Historikerin ist – da ist man wohl froh um alles was man findet und jeder Fund ist tatsächlich eine Sensation. Aber gilt das auch für Design? Oder waren meine Erwartungen schlicht zu hoch? Braucht Design gar nicht über eine Verkaufsausstellung hinaus zu gehen? Das Kölner Möbelgeschäft Merkanto bietet im Rahmen der Passagen eine ähnlich konzipierte Ausstellung an, wirbt aber damit, daß ›Probesitzen ausdrücklich erwünscht‹ ist. Ein klarer Vorteil, denn das Bedürfnis, Design haptisch zu erleben ist so berechtigt wie unausrottbar; zuverlässig wird René Spitz bei jeder seiner Ausstellungsankündigungen im WDR gefragt ›Und darf man sich auch hinsetzen?‹

Was habe ich also erwartet? Ganz sicher die Frage, ob Architekten anders an die Gestaltung von Möbeln herangehen als ›reine Designer‹. Und ob es sich bemerkbar macht, daß Design und Architektur inzwischen getrennte Studiengänge sind. Gerne hätte ich auch erfahren, ob Gestalter in Architektur und Design ähnliche Formprinzipien anwenden. Zeichnungen wären schön gewesen (und leicht zu bekommen!). Auch Fotos von den Gebäuden derjenigen Architekten, deren Möbel man in Köln bewundern darf, wären angemessen gewesen. – Aber die gab es doch! Darf nun gerufen werden. Doch da kann ich nur fragen: Wirklich? Reicht es aus, rund 20 Google-Funde auf eine hutzelige Stellwand zu pinnen, völlig abseits der entsprechenden Möbel?

Warum ich so erbost bin? Weil Design so viel mehr ist als ein Statusobjekt. Meinethalben können bestimmte Objekte gerne mythisiert werden, ich bestehe nicht darauf, mich hinsetzen zu dürfen. Aber kann nicht auch ein tieferes Verständnis zur Mythisierung beitragen? Wird Design nicht umso beeindruckender, je deutlicher seine Komplexität wird? Wenn man mehr über seinen teuren Stuhl weiß, als daß er in mehreren Museen steht, also offenbar von Fachleuten wertgeschätzt wird? Keinesfalls möchte ich Designliebhabern ihre subjektive Wertschätzung absprechen, aber sie ist doch nur der Anfang!

Ich klammere ich mich an die Hoffnung, im Katalog auf ein anderes Designverständnis zu stoßen – auch wenn seine Hülle in Kroko-Handtaschen-Stiefelchen-Optik auch hier Fragen aufwirft; etwa, warum man den Eindruck erwecken möchte, es handele sich um Modeausstellung. Vielleicht sind die Autoren ja klüger als die Gestalter.

 


Unhappy Hipsters

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Kann ich es als Distinktion à la “Das kannte ich doch schon, da sind wir noch barfuß durchs Netz gelaufen”, oder muß ich zugeben, daß ich es voll verpennt habe? Wahnsinn, wie toll sich unhappyhipsters.com entwickelt hat. Niemand entlarvt Fotografien, Moderne und Harmonie so schön – Anthropomorphismen funktionieren besonders gut. Vielen Dank an Frau M. für die Erinnerung, ich werde meinem Gedächtnis verordnen, seine Prioritäten zu überdenken.

Hier einige Beispiele, aber besser, man schaut sich alle an: unhappyhipsters.com