Fader Formalismus vs. ertanzte Emotionen

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Die Erwartungen waren zugegebenermaßen hoch. Das Nederlands Dans Theater (NDT) hat mich bereits viele Male begeistert, sei es im Theater, der live-Übertragung in ein Kino oder dem heimischen Klein-Bildschirm. Diese Kompanie schien jedem Format gewachsen. Und dann das. Der Auftritt des Ensembles in der Oper Köln. Bzw. der Ersatzspielstätte der Kölner Oper, dem Musical Dom am Dom, am Rhein. Event-Architektur vom Feinsten, von Kölner Bürgern auch gern ›Die Mülltüte‹ genannt. Knarzende Treppen, rote Teppiche, eine Lounge im 50er Jahre American Diner-Stil. Einige billige Corbusier-Imitate, insgesamt aber eher amüsant, ›mal was anderes‹ als Opernspielstätte. Etwas betrübt war ich, weil die in anderen Zuschauersälen oft glamourös wirkenden Besucher dank Beleuchtung eher an das Publikum in einem RTL-Sendesaal erinnerten.

Vielleicht war es diese Architektur, die mir die erste enttäuschende NDT-Erfahrung einbrachte. Doch ich bin skeptisch, ob die Umgebung die Wahrnehmung derart beeinflussen kann.

Vielmehr scheint der Choreograf in eine zugegeben verführerische Falle getappt zu sein. Das NDT ist ein herausragendes Ensemble, jedes einzelne Mitglied verfügt über ein unerhörtes Maß an Körperbeherrschung. Das verführt dazu, dieses Potential zu nutzen, doch birgt es auch die Gefahr, dass die Choreografie darüber zu einem bloßen Formalismus verkommt. Beeindruckend die Schnelligkeit, die Präzision, die Stops in unmöglichen Positionen. Doch das, was in einem Pina Bausch-Stück eine fünf-minütige Sequenz gewesen wäre, baut Marco Goecke zu einem Stück von zwanzig Minuten aus. Ja, man kann darin ›unsere Zeit‹ wieder erkennen, doch handelt es sich eher um eine Reproduktion, als eine Reflexion. Es wird geatmet, ja, da kann man viel hinein interpretieren, aber es scheint mir, als sei der Atem verschwendet, denn er hat keine Stimme. Entsprechend entscheide ich mich für einen lautlosen Applaus.

In der Pause stehen die Besucher mit Blick auf Rhein und Dom vor der ›Mülltüte‹ und sehen dabei aus, als habe man eine Busladung Kulturreisender an der Autobahnraststätte vergessen. Konzentriert in Programmheften blätternd versuchen einige verzweifelt Antworten zu finden. Eine junge Dame kommentiert das Stück mit den Worten ›Irgendwann habe ich aufgehört zu denken »Was will mir das sagen«‹. Zugegeben, es ist heute schwierig, Menschen vom Denken und Rationalisieren abzuhalten, doch ihre Aussage trifft den Kern des Problems: Das Stück transportiert keine Emotion. Das aber ist die Qualität von Tanz. Zu sagen, dass meine Schwiegermutter morgen mit Erdbeerkuchen vorbei kommt, ist mit Tanz kaum möglich, wie Jiri Kylian mal bemerkte. Aber eine Emotion, eine Facette des menschlichen Charakters darzustellen, das ist sehr wohl möglich und oft besser als mit Worten.

Auch das zweite Stück von Crystal Pite, Solo Echo, begeistert mich kaum. Es ist schön, die Bewegungen geschmeidig und beeindruckend, die Musik von Brahms wunderbar, doch leider fast wunderbarer als der Tanz. Der Tanz scheint bloß zu illustrieren, statt etwas hinzuzufügen. Doch die Kölner sind begeistert – vielleicht durch die in der kurzen Pause schnell heruntergespülten Gläser mit 0,2 Litern Wein, vielleicht wegen des atmosphärisch im Hintergrund rieselnden Schnees.

Erst das dritte Stück versöhnt mich mit dem Abend, Sol Leon und Paul Lightfoot schaffen es, die Tänzer und das Publikum in eine Traumwelt zu entrücken. Auf der Bühne fahren Treppen umher, die Tänzer werden zu surrealen Figuren voller Ausdruck, die Ängste, Hoffnungen, Begehrlichkeiten – eine ganze Palette voll Mensch-Sein tanzen.

 


Die Sehnsucht nach Schmetterlingen

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Wie viel Schönheit passt in einen Moment? Viel zu viel. Nahezu unerträglich schön waren die Auftritte von Silas Hendriksen, der erahnen lässt, wie es Bewunderern von Nurejew ergangen sein muss – Offenbarung scheint als einzig passendes Wort für diese Erfahrung zu verbleiben. Auch die übrigen Tänzer des Nederlands Dans Theaters überzeugen durch Präzision und Ausdruckskraft, mit der sie subtilen Humor, Schmerz und emotionale Feinheiten erfahrbar machen, die durch Worte nicht zu fassen wären. Klingt kitschig? Pathetisch? Das würde mir leid tun, denn davon sind die Stücke ›Sehnsucht‹ und ›Schmetterling‹ weit entfernt. Ersteres ist ein Wort, das mit dieser spezifischen Konnotation angeblich nur im Deutschen exisitertweit beeindruckender als diese Information war das Bühnenbild: Ein frei schwebend über der Bühnenfläche montierter Kubus, in dem ein Zimmer eingerichtet ist. Während des Stücks dreht es sich und mit ihm anscheinend die Schwerkraft. Das jedenfalls suggerieren die Tänzer, die ihr mit Leichtigkeit trotzen, so daß der Zuschauer in einen surrealen Traum versetzt wird. Nach jeder Sequenz möchte man rufen ›Nein, das soll noch nicht vorbei sein‹, doch wird man schnell von der neuen Szene in Bann  gezogen. Und während die Choreografen Sol Léon Paul Lightfood in ›Sehnsucht‹ Jiri Kilian in seinem Gespür dafür, klassische Musik und modernes Ballett zu verbinden in nichts nachstehen, greifen sie für ›Schmetterling‹ zur amüsant-selbstironischen Musik der Magnetic Fields. Die Stimme des Sängers unterstreicht die Lässigkeit der Tänzer, die mal humorvoll mal tänzerisch virtuos über die Liebe variieren – doch hier muss ich einsehen: Tanz in Worte zu fassen gelingt nur dann, wenn der Zuhörer das Stück auch gesehen hat. Ein Dialog über gemeinsame Erfahrung scheint möglich, Berichte hingegen wirken fast immer unbeholfen.

In diesem Sinne: Auf, auf, Holland ist zum Glück nicht weit.

www.ndt.nl

 


Authentizitätswahn vs. Düsseldorfer Haltung

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Martin Schläpfer wurde mehrfach dafür kritisiert, die Mitglieder des Ballett-Ensembles der Deutschen Oper am Rhein geordnet zum Applaus antreten zu lassen. In Düsseldorf nimmt man sich nicht bei den Händen und blickt schweißbedeckt, glücklich-ermattet in Publikum, läßt sich erschöpft in die Verbeugung fallen, … Nein, Schläpfer arrangiert seine Tänzer in hübschen Diagonalen auf der Bühne, die Inszenierung wird bis zum Schluß nicht aufgebrochen.

Martin Schläpfer meint, die Kritik entspringe der Enttäuschung darüber, nicht ›den Menschen‹ hinter dem Tänzer kennen lernen zu können. Ist das so? Ich stelle mich auf die Seite der Kritiker, denn mir geht es ähnlich; ich sehne mich nach der Auflösung. Nicht, weil ich an der ›wahren Persönlichkeit‹ der Tänzer interessiert wäre, sondern weil es den Abend auflöst, mich entlässt. Über den Aufführung bin ich mit den Tänzern verschmolzen, mit der Geschichte die sie erzählen oder wenn sie keine erzählen mit der Stimmung, die sie schaffen. Sie haben mich in ihre Gefühlswelt geholt, dank ihnen habe ich bestenfalls einen kathartischen Abend. Aber am Ende will ich, muss ich, zurück in meine Welt. Und das ist nun einmal die, in der die Tänzer auch Menschen sind; in der sie trainieren, erschöpft sind, und ihre Körper nicht ständig die perfekte Linie bilden. Der Applaus ist ein Übergang. Ich beklatsche das Schauspiel, aber dafür muss es auch vorbei sein, sonst ist es nur ein Szenenapplaus – begeistert in Erwartung von mehr.


Architektenmöbel – Von Aalto bis Zumthor

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Der Titel macht Hoffnung – von A bis Z, alles umfassend, endlich ein Blick auf Design, wie er in Museen zu selten gewagt wird. Zumal das Kölner Museum für angewandte Kunst mit der Präsentation der Sammlung Winkler bereits gezeigt hat, daß es Designpräsentationen abseits der Kunstgewerbe-Vitrinenschau geben kann.

Doch die aktuelle Sonderausstellung bleibt weit hinter den Erwartungen zurück. Schön anzusehen ist sie, wie könnte es auch anders sein – wohlgeformte Möbel auf Podeste stellen, noch dazu vor der tollen Riesen-Regal-Wand des MAKK, was soll da schief gehen? Aber schon für Texttafeln hat es leider nicht mehr gereicht. Zwar gibt es Banner mit den Namen der Architekten darauf, aber über ein ›Voilá‹ geht die Ausstellung nicht hinaus. Auch die Rede der Kuratorin bringt keinerlei tiefgreifende Erkenntnis. Das Ergebnis ihrer Forschung scheint zu sein, daß Architekten gerne kubische Sessel á la LC2 gestalten. Ganze 7 Stück hat sie gefunden. Vielleicht ist diese Herangehensweise dadurch zu entschuldigen, daß die Kuratorin Mittelalter-Historikerin ist – da ist man wohl froh um alles was man findet und jeder Fund ist tatsächlich eine Sensation. Aber gilt das auch für Design? Oder waren meine Erwartungen schlicht zu hoch? Braucht Design gar nicht über eine Verkaufsausstellung hinaus zu gehen? Das Kölner Möbelgeschäft Merkanto bietet im Rahmen der Passagen eine ähnlich konzipierte Ausstellung an, wirbt aber damit, daß ›Probesitzen ausdrücklich erwünscht‹ ist. Ein klarer Vorteil, denn das Bedürfnis, Design haptisch zu erleben ist so berechtigt wie unausrottbar; zuverlässig wird René Spitz bei jeder seiner Ausstellungsankündigungen im WDR gefragt ›Und darf man sich auch hinsetzen?‹

Was habe ich also erwartet? Ganz sicher die Frage, ob Architekten anders an die Gestaltung von Möbeln herangehen als ›reine Designer‹. Und ob es sich bemerkbar macht, daß Design und Architektur inzwischen getrennte Studiengänge sind. Gerne hätte ich auch erfahren, ob Gestalter in Architektur und Design ähnliche Formprinzipien anwenden. Zeichnungen wären schön gewesen (und leicht zu bekommen!). Auch Fotos von den Gebäuden derjenigen Architekten, deren Möbel man in Köln bewundern darf, wären angemessen gewesen. – Aber die gab es doch! Darf nun gerufen werden. Doch da kann ich nur fragen: Wirklich? Reicht es aus, rund 20 Google-Funde auf eine hutzelige Stellwand zu pinnen, völlig abseits der entsprechenden Möbel?

Warum ich so erbost bin? Weil Design so viel mehr ist als ein Statusobjekt. Meinethalben können bestimmte Objekte gerne mythisiert werden, ich bestehe nicht darauf, mich hinsetzen zu dürfen. Aber kann nicht auch ein tieferes Verständnis zur Mythisierung beitragen? Wird Design nicht umso beeindruckender, je deutlicher seine Komplexität wird? Wenn man mehr über seinen teuren Stuhl weiß, als daß er in mehreren Museen steht, also offenbar von Fachleuten wertgeschätzt wird? Keinesfalls möchte ich Designliebhabern ihre subjektive Wertschätzung absprechen, aber sie ist doch nur der Anfang!

Ich klammere ich mich an die Hoffnung, im Katalog auf ein anderes Designverständnis zu stoßen – auch wenn seine Hülle in Kroko-Handtaschen-Stiefelchen-Optik auch hier Fragen aufwirft; etwa, warum man den Eindruck erwecken möchte, es handele sich um Modeausstellung. Vielleicht sind die Autoren ja klüger als die Gestalter.

 


Dilettantismus

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Beim Kauf einer Eintrittskarte zur Dauerausstellung im Bauhaus-Archiv wird man darauf hingewiesen, daß man keine Fotos machen darf, da die Objekte unter Copyright stehen.* Als ich die Ausstellung betrat, erblickte ich jedoch nicht als erstes Stahlrohr und Krag-Balkone, sondern das oben stehende Ergebnis beherzter Initiative von Seiten des Museums. Die Akzente auf Moholy-Nagys Namen waren offenbar verloren gegangen und wurden durch zwei Schnipsel annähernd passend geschnittenes Tape ersetzt.

Ich war hingerissen, ausgerechnet im Bauhaus-Archiv auf solch ein Zeugnis gut gemeinten Dilettantismus zu stoßen und zückte selbstverständlich gleich meine Kamera – zum Glück war ich schnell, denn zwei Wärter kamen heran geeilt und teilten mir mit, man dürfe keine Fotos machen. Meine Reaktion – die Frage ob das Bauhaus-Archiv denn auch das Copyright auf Dilettantismus habe – wurde nicht gutiert.

*Das Ausmaß an empörender Absurdität dieser Aussage ist Stoff für längst überfällige Diskussionen!

 


Luxus-Shuttle-Busse zu Kultur-Einrichtungen?

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Ja, ich bin wertkonservativ. Ich mag klassische Typografie, klassische Musik und ich würde es begrüßen, wenn meine Kinder fließend Latein sprechen könnten. Und dennoch habe ich dem Herrn, der mir in einer Kneipe lapidar vorschlug, mit wenigen Ausnahmen alle Opernhäuser und Theater zu schließen und statt dessen (Luxus)-Shuttle-Busse zu den ausgewählten verbleibenden Einrichtungen kostenfrei zur Verfügung zu stellen, nicht gleich von meiner Seite verwiesen.

Liegt es daran, daß sich die Aufführungen in Düsseldorf, Bochum, Essen, Köln und Wuppertal alle bis zu einem gewissen Grad gleichen? Oder daran, daß ich zunehmend weniger Lust habe, mir extatisches Geschreie von Schauspielern anzuhören, die zwar den Eindruck von enormem körperlichen Einsatz vermitteln, den Inhalt aber dennoch nicht bis in mein Herz oder wenigstens meinen Kopf transportieren können? Oder ist es mal wieder so weit? Brauchen wir eine Debatte über die Einheit von Kunst und Leben á la Juigendstil und Bauhaus?

Oder brauchen wir nicht gerade die Trennung beider Sphären? Denn je aktuell-sozialkritischer das Theater wird, desto mehr entfernt es sich von dem, was vage und leicht mystifizierend als ›Wahrheit in der Kunst‹ bezeichnet werden kann. Kunst ist nicht Leben. Kunst ist Kunst – der Abstand zum Alltag ist ihre Qualität, gerade daraus gewinnt sie ihren Bezug zum Leben.

Und insbesondere wenn unser Leben immer stärker vom Zweckrationalismus (und damit verwoben dem Kapitalismus) durchdrungen und dadurch zunehmend eindimensional wird, bedarf es der Kunst. Sie kann Reflexion ermöglichen, den Blick von Außen auf uns und unser Denken, Fühlen, Handeln.

Ein Luxus-Shuttle-Bus sollte es also schon mal nicht sein. Ein bißchen weniger Regie-Theater aber sehr gern. (Ja, ich äußere mich gelegentlich zu Dingen, von denen ich aus akademischer Sicht keine Ahnung habe, mich aber als Teil der Zielgruppe durchaus als meinungsberechtigt betrachte.)

 


Kunst sehen, Kunst denken, Kunst fühlen

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Der Deutsche hat ein sehr spezielles Verständnis von Kritik. Dies bestätigte mir das Gesicht einer englischen Bekannten während eines Publikumsgesprächs mit dem renommierten Choreographen William Forsythe. Erschrocken blickte sie mich an, als ein Herr, der sich in arrogantem Tonfall als Dramaturg vorstellte und daher zur Negativkritik autorisiert glaubte, über Forsythes Werk ausließ. Seine fachliche Unkenntnis lies die Tanzstudenten neben uns kichern, bis ein weiterer Herr, Journalist, in die dilettantischen Tiraden einstimmte.

Forsythe blieb gelassen, er lebt schon länger in Deutschland, und schien die Kritik als willkommene Abwechslung zu den üblichen Lobgesängen aufzufassen. Meine Bekannte ließ es sich dennoch nicht nehmen, anschließend zu ihm zu gehen und anzumerken, daß sie das Stück sehr genossen habe. Tatsächlich fragte er erleichtert ›You do dance yourself, don’t you?‹ Selbstverständlich tanzt sie. Und selbstverständlich nimmt ein Tänzer eine Performance anders wahr als jemand, der noch nie getanzt hat. Das dahinter liegende Problem ist allerdings weniger leicht zu lösen: Muss Kunst verständlich sein? Muss uns der Künstler etwas sagen wollen? Oder liegt es an uns, ihn zu verstehen? Ist nicht eben das große Kunst, was jeden anrührt, wie es beispielsweise die Stücke von Pina Bausch vermögen? Forsythes Choreographien sind sehr komplex, er rekurriert auf die Tanzgeschichte, zitiert Kollegen – alles über die Bewegung. Dennoch sind die Stücke emotional eingängig, der Intellekt dominiert sie nicht, gibt aber dem Wissenden einen Mehrwert – ein selten erreichtes Ideal.

Scheinbar teilten nicht alle diese Meinung, viele mokierten, sie hätten das Stück nicht ›verstanden‹. Natürlich kann auch ich nicht mit Sicherheit sagen, was Forsythe mir sagen wollte, aber er hat mir etwas gesagt. Doch in einem zunehmend vom Kommentar abhängigen Kunstbetrieb und einer an Design gewöhnten Gesellschaft scheint der eigenartige, wenn nicht einzigartige Zugang zur Kunst nicht ausreichend trainiert zu werden. Die Fähigkeit zur Freude am Uneindeutigen und vor allem am Unsagbaren scheint wenig populär zu sein und individuelle Assoziationen was für Spinner und Selbstfindungs-Getriebene. Vielleicht könnte man Theater und Tanz demnächst als ›Emotions-Training‹ verkaufen? ›Vergrößern Sie Ihren Assoziationsradius, stärken Sie ihre Emotionen durch Katharsis …‹ Vielleicht könnte man es sogar als Extremsport vermarkten, denn zum Kunsterlebnis gehört immer auch Mut. Und Orientierungslosigkeit – also vielleicht etwas Richtung ›Kunst querfeldein mit Intervall- und Kompasstraining‹?


Sisley – ein Impressionist mit Blockbusterpotential?

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Gerne frage ich im Freundes- und Bekanntenkreis herum, ob der nächste im örtlichen Museum ausgestellte Künstler bekannt ist. Aus dem Ergebnis kann ich inzwischen erstaunlich präzise die zu erwartenden Besucherzahlen errechnen. Die immer größer angelegten Werbekampagnen haben merkwürdigerweise keinen nennenswerten Einfluß. Monet war Monet, war Monet. Da musste nicht viel gesagt werden. Nun erwarte ich gespannt die Auswirkungen des neuen Werbespruchs ›Sisley – der wahre Impressionist‹. (Ein Lob für den Versuch, Kunstgeschichte auch abseits der ›Stars‹ zu vermitteln, aber … siehe letzter Eintrag.)

Meine weiteren Worte würden um Längen hinter dieser vom Museumscaféinhaber (!) angefertigten Karikatur zurückbleiben, daher:



 


Keine Fälschung, trotzdem Betrug?

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Die zweifelsfrei reizvolle Stadt s’Hertogenbosch rühmt sich damit, der einzige Ort der Welt zu sein, ›wo Sie alles über Jheronimus Bosch‹ erfahren können‹. Gemeint ist damit ein Besuch des Jheronimus Bosch-Artcenters, und der Satz ist noch weit anmaßender als er schon auf den ersten Blick klingt. Zugegeben, als Verehrer von Boschs Arbeiten hätte mir auffallen müssen, daß es unmöglich ist, seine Werke in einem Museum zu vereinen – aber daß ich mit aufgeblasenen, aus noch aus 30cm Entfernung sichtbaren Druckrasterpunkten aufgebauten Reproduktionen konfrontiert würde, das irritierte mein Gemüt aufs Äußerste. Vermutlich insbesondere deshalb, weil ich bislang zu denjenigen gehörte, die lautstark forderten, in Designmuseen Reproduktionen, die man anfassen und ›be-sitzen‹ darf, aufzustellen. Genau in diesem Denk-Spalt – so scheint es – sitzt der Unterschied zwischen alter Kunst und Design. Die industrielle Produktion. Aber: Warum flößt mir ein alter Barcelona-Chair mit rissigem Leder mehr Respekt ein, als ein neuer? Sicher, die abgerundeten Kufen tragen dazu bei, aber ich ertappe mich dennoch, der Patina zu huldigen.

Zu Unrecht? Oder scheint in dem alten Barcelona-Sessel die Zeit auf, in der er noch nicht durch den massenhaften Einsatz in Banken und den Wohnungen stilloser Mittelreicher ›beschmutzt‹ war. Säubert Patina also in Wirklichkeit? Legt sie Verborgenes frei, poliert sie die Idee? Dann ziehe ich meine Forderungen zurück und sage: Idee statt haptischer Erfahrung. Und wirke so der Bifurkation von Kunst und Design entgegen.

 


Das Ding und der Mensch / Teil 3

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Für jeden, der Dinge besitzt, ist das Theaterstück ›The School of Objects Critizised‹ von Alexandre Singh (entstanden 2010) Pflicht. Die Akteure sind Dinge deren Formcharakter den Charakteren entspricht, die sie darstellen: Eine unfertige abstrakte Skulptur ist die Assistentin der perfekten und eloquenten Spirale, zwei Kassettenrecorder mimen die Intellektuellen, die sich nie einig sind, eine Flasche mit Bleichmittel ist der Marxist und Künstler, der Toaster die Feministin. Der Einfluß von Woody Allen und vor allem Oscar Wilde ist klar zu erkennen – die Texte sind klug, eloquent und amüsant: Einer der Kassettenrecorder schwärmt für die Langeweile, die ein Weg zum Sublimen sei und macht sich interessant, als er hinzufügt ›I love boring people, I love boring sex and oh: boring Art!‹ Die unfertige abstrakte Skulptur pflichtet überschwenglich bei, sie findet alles aufregend, weil sie aus dem langweiligen Ohio kommt.

Herausragend wird es immer dann, wenn die Objekte nicht nur Menschen gleichen, sondern ihr Objekt-spezifisches einbringen: Recycling wird als Sakrileg verbannt, das sei doch Kanabalismus! Und der Kassettenrecorder fragt hochphilosophisch-designtheoretisch: ›Am I picked up, because I have a handle, or do I have a handle to be picked up?‹ Die Frage nach dem Schöpfer macht schließlich den Designer als Gott, aber statt Massenproduktion ziehen die Dinge sich ›passionately‹ ihre Aufkleber aus – Grafik-Design ist die Selbstverwirklichung der Dinge, wie die Kleidung für die Menschen. Ein unliebsames Thema ist das Haltbarkeitsdatum, das die meisten glücklicherweise nicht lesen können, da es auf ihrer Unterseite aufgedruckt ist. Später dreht sich das Gespräch um Gott, der ex nihilo schafft und Jesus, der eher ein Collagist ist, was zu einem Generationenkonflikt führt, denn Gott wollte, daß Wein Wein bleibt, und Wasser Wasser – der Mythos von der Traditionslosen Moderne gegen den Stilpluralismus der Postmoderne (ich wäre in dieser Welt Jüdin).

Abschließend wird die junge Kunst vom Toaster gering geschätzt – die hohle Selbstreflektion bzw -bezogenheit sei ›just a smug way to say nothing‹, weswegen man dieses Gespräch auch nicht zu Kunst machen sollte – Welch schöne Selbstironie, der ich nur zu gern widerspreche.