Anmerkungen zu Logans Run

No Comments »

1. Wann immer man sich einen Science-Fiction-Film anschaut, wird man mit der aktuellen Mode oder Anleihen aus den 60ern konfrontiert. Das ist durchaus hübsch, aber warum gelingt es ausgerechnet der schnelllebigen und einfallsreichen Mode nicht, in die Zukunft zu schauen? Auch die Möbel bleiben dem Zeitgeist verhaftet oder rekurrieren auf die Zeit, in der man noch an die Zukunft glaubte: die 60er. Vielleicht ist es schlicht einfacher und wirkungsvoller sich der Bilder zu bedienen, die zuverlässig die Assoziation ›Zukunft‹ hervorrufen, statt neue Bilder zu schaffen. Mit Blick auf die Technik scheint es einfacher zu sein, über das Aktuelle hinaus zu denken. Die Imagination des Verkehrssystems in Logans Run ist bis heute nicht realisiert worden.

2. Ich finde es sendet eine bedenkliche Botschaft aus, wenn der Hauptdarsteller, als er in der freien Welt angekommen ist, seinen Freund tötet, bloß weil dieser sich um ihn sorgt und ihn in die ›alte‹ Welt zurück holen möchte.

3. In der Figur von Ustinov wird nicht deutlich, was denn nun der Wert des Altwerdens ist (Logan kommt aus einer Welt, in der jeder an seinem 30. Geburtstag umgebracht wird). Beim Zusammentreffen mit diesem alten Mann werden einzig seine faszinierenden Falten bewundert. Und die Frau findet (1976) an der freien Welt einzig die Tatsache toll, dass man dann länger mit dem Partner zusammen sein kann.

 


Klug …

No Comments »

… und ernüchternd schrieb Horst Rittel in Die Denkweise von Designern:

›Einschränkungen sind entschiedene, ausgewählte und selbst auferlegte und nicht aufgezwungene, abgeleitete oder logische Notwendigkeiten.‹

Leider seien viele Designer und Auftragegeber geneigt, dieser epistemischen Freiheit durch Imagination eines sogenannten Sachzwangs zu entfliehen. Weil die Mehrheit etwas wolle, müsse man es ihr auch geben. Dies sei aber keineswegs so, man könne auch Alternativen entwickeln, die wahlweise das vorhandene Bedürfnis auch befriedigen, oder es transformieren. Erhöhter Strombedarf rechtfertigt also nicht den Bau von Atomkraftwerken, um ein plumpes Beispiel zu nehmen.

Ich selbst erinnere mich daran, wie verblüfft ein Freund aus der Finanzwelt war, als ich auf die Schwerkraft fluchte. Er erkennt die Schwerkraft als feste Größe an, bei mir hingegen verdichten sich nach jedem zu Boden gefallenen Gegenstand meine Pläne für ein besseres Leben im Weltall. Heute erkenne ich darin stolz mein Designer-Denken.


Gescheiterte Popularisierung von Designgeschichte

No Comments »

›Und kann man darauf auch sitzen? – Wie Design funktioniert‹, heißt das Buch von Bernd Polster, in dem er versucht, Designgeschichte ›unterhaltsam‹ zu vermitteln.

Mit ›Darf es ein bißchen weniger sein‹ überschreibt er das Vorwort und ich frage: Könnte es noch weniger sein? Und antworte mit selbst: Nein, schlimmer als in diesem Buch kann es glaube ich nicht kommen. Es ist ein Musterbeispiel dafür, wie man sich auf niederste Weise an das in den eigenen Augen ungebildete Publikum anbiedert und es dadurch arrogant für dumm erklärt. Immer wieder lässt er süffisant Insider-Wissen einfließen, wer wann wen wo und wie was hat, ohne dabei die Namen zu nennen, denn das gebildete Publikum weiß ja eh, wer gemeint ist. Herr Polster, wer genau ist denn nun ihre Zielgruppe? Der Kreis der 17 bärtigen Design-Insider, oder die ungebildete Masse? Selten habe ich mich derart über eine Publikation zum Thema Design geärgert und sollte natürlich kein Wort über sie verlieren, denn negative Kritik erhöht schließlich die Verkaufszahlen. Aber es ist mir unmöglich, meine Entrüstung für mich zu behalten. Es ist wohl bisher keinem anderen Autor gelungen, dem Design derart zu schaden, wie es Herrn Polster mit seinem Buch gelungen ist. Selten wurde Designgeschichte derart banalisiert und jeglicher Spannung beraubt. Ich bitte jeden: Kaufen Sie dieses Buch und verbrennen Sie es. Es wäre eine Schande, wenn etwas derartiges überliefert würde.

 


Architektenmöbel – Von Aalto bis Zumthor

No Comments »

Der Titel macht Hoffnung – von A bis Z, alles umfassend, endlich ein Blick auf Design, wie er in Museen zu selten gewagt wird. Zumal das Kölner Museum für angewandte Kunst mit der Präsentation der Sammlung Winkler bereits gezeigt hat, daß es Designpräsentationen abseits der Kunstgewerbe-Vitrinenschau geben kann.

Doch die aktuelle Sonderausstellung bleibt weit hinter den Erwartungen zurück. Schön anzusehen ist sie, wie könnte es auch anders sein – wohlgeformte Möbel auf Podeste stellen, noch dazu vor der tollen Riesen-Regal-Wand des MAKK, was soll da schief gehen? Aber schon für Texttafeln hat es leider nicht mehr gereicht. Zwar gibt es Banner mit den Namen der Architekten darauf, aber über ein ›Voilá‹ geht die Ausstellung nicht hinaus. Auch die Rede der Kuratorin bringt keinerlei tiefgreifende Erkenntnis. Das Ergebnis ihrer Forschung scheint zu sein, daß Architekten gerne kubische Sessel á la LC2 gestalten. Ganze 7 Stück hat sie gefunden. Vielleicht ist diese Herangehensweise dadurch zu entschuldigen, daß die Kuratorin Mittelalter-Historikerin ist – da ist man wohl froh um alles was man findet und jeder Fund ist tatsächlich eine Sensation. Aber gilt das auch für Design? Oder waren meine Erwartungen schlicht zu hoch? Braucht Design gar nicht über eine Verkaufsausstellung hinaus zu gehen? Das Kölner Möbelgeschäft Merkanto bietet im Rahmen der Passagen eine ähnlich konzipierte Ausstellung an, wirbt aber damit, daß ›Probesitzen ausdrücklich erwünscht‹ ist. Ein klarer Vorteil, denn das Bedürfnis, Design haptisch zu erleben ist so berechtigt wie unausrottbar; zuverlässig wird René Spitz bei jeder seiner Ausstellungsankündigungen im WDR gefragt ›Und darf man sich auch hinsetzen?‹

Was habe ich also erwartet? Ganz sicher die Frage, ob Architekten anders an die Gestaltung von Möbeln herangehen als ›reine Designer‹. Und ob es sich bemerkbar macht, daß Design und Architektur inzwischen getrennte Studiengänge sind. Gerne hätte ich auch erfahren, ob Gestalter in Architektur und Design ähnliche Formprinzipien anwenden. Zeichnungen wären schön gewesen (und leicht zu bekommen!). Auch Fotos von den Gebäuden derjenigen Architekten, deren Möbel man in Köln bewundern darf, wären angemessen gewesen. – Aber die gab es doch! Darf nun gerufen werden. Doch da kann ich nur fragen: Wirklich? Reicht es aus, rund 20 Google-Funde auf eine hutzelige Stellwand zu pinnen, völlig abseits der entsprechenden Möbel?

Warum ich so erbost bin? Weil Design so viel mehr ist als ein Statusobjekt. Meinethalben können bestimmte Objekte gerne mythisiert werden, ich bestehe nicht darauf, mich hinsetzen zu dürfen. Aber kann nicht auch ein tieferes Verständnis zur Mythisierung beitragen? Wird Design nicht umso beeindruckender, je deutlicher seine Komplexität wird? Wenn man mehr über seinen teuren Stuhl weiß, als daß er in mehreren Museen steht, also offenbar von Fachleuten wertgeschätzt wird? Keinesfalls möchte ich Designliebhabern ihre subjektive Wertschätzung absprechen, aber sie ist doch nur der Anfang!

Ich klammere ich mich an die Hoffnung, im Katalog auf ein anderes Designverständnis zu stoßen – auch wenn seine Hülle in Kroko-Handtaschen-Stiefelchen-Optik auch hier Fragen aufwirft; etwa, warum man den Eindruck erwecken möchte, es handele sich um Modeausstellung. Vielleicht sind die Autoren ja klüger als die Gestalter.

 


Projektbausteine Design

No Comments »

Endlich jemand, der sich mit dem vernachlssigten Thema ›Designvermittlung in der Schule‹ beschäftigt! Vielleicht waren infolge meine Euphorie die Erwartungen zu hoch, denn großes Unbehagen, gefolgt von Aggression befiel mich, als ich das Heft ›Projektbausteine Design‹ durchblätterte. Warum muss ausgerechnet ein Heft, das Design vermitteln möchte, so unfassbar schlecht gestaltet sein? Und damit meine ich nicht nur, dass es unattraktiv ist und somit das darin behandelte Thema beleidigt, nein, die gewählten ›Icons‹ betonen auch genau die Aspekte am Design, die ganz sicher nicht vermittelt werden sollen: Es sind zu wenig abstrahierte und eindimensionale Illustrationen, denen es an transformierender Qualität fehlt.

Nach der Lektüre musste ich meine Meinung jedoch ändern, denn die gestellten Aufgaben regen zum Nachdenken an und lassen die Schüler sicherlich ein tieferes Verständnis für den Vorgang der Gestaltung und deren Ziele entwickeln. Zwar ist der Tonfall mal zu ›hip‹, mal lehrmeisterhaft, mal werden die Schüler für recht dumm gehalten, doch fehlt mir die Erfahrung, dies zu bewerten.

In diesem Sinne: Bitte nochmal einen Designer, wie er im Innenteil beschrieben wird, an die Gestaltung lassen und dann unbedingt im Unterricht einsetzen.

 

PS: Bloß nicht den Film schauen! Wie kann man einer an Videoclips, Animations- und sonstigen Filmen geschulten Generation so etwas anbieten!

 


Das Ding und der Mensch / Teil 4

No Comments »

Bewusstsein kann äußerst einengend sein. Und Dinge zu sehen, kann blind machen. Dieser Eindruck entsteht zumindest im Film ›Koolhaas houselife‹. Der Zuschauer folgt der Putzfrau Guadalupe durch ein zweifellos wunderschönes, von Koolhaas entworfenes Privathaus und beobachtet sie im Umgang mit der Architektur und deren Tücken. Dazu befragt, gesteht sie den Hausherren souverän deren eigenen Geschmack zu, würde aber selbst nicht so ›grau‹ und oftmals unpraktisch wohnen wollen. Auch der Gärtner kommentiert angesichts der durch spiegelnde Wandflächen verbrannten Grasflächen schlicht: ›Das ist schließlich kein Rasen, das ist Kunst.‹

Doch die Regisseure versuchen nie, die Architektur schlecht zu machen – ihre Schönheit und das oftmals verwirklichte Streben nach formschöner Funktionalität bleibt unangetastet. Aber die Diskrepanz zwischen Denken und Handeln, zwischen Idee und Wirklichkeit, wird auf erfrischende Weise deutlich.

Wenn ich sitze, will ich nicht
sitzen, wie mein Sitz-Fleisch möchte,
sondern wie mein Sitz-Geist sich,
säße er, den Stuhl flöchte.

Der jedoch bedarf nicht viel,
Schätzt am Stuhl allein den Stil,
überlässt den Zweck des Möbels
ohne Grimm der Gier des Pöbels.

Tucholsky

In diesem Sinne: Trotz der nichtssagenden Trailer erwarte ich freudig die nächsten Filme vom Ila Bêka und Louise Lemoîne.

www.bekafilms.it


 


Will ich ein Autor sein? Zu Michael Rocks ›The Designer as Author‹

No Comments »

Der Inhaber von 2×4 (New York) verfasste benannten Text 1996 und hinterfragt darin das Selbstverständnis der Designer. Nicht ohne Grund, denn das, was die Filmregisseure seit den 50ern für sich einfordern, wollen nun auch immer mehr Designer ihr Eigen nennen. Eine Handschrift. Im Film entwickelte sich der Wunsch nach Autorschaft aus der Herrschaft der Produktionsfirmen heraus, die Regisseure zur Umsetzung vorgegebener Projekte engagierten. Klingt vertraut. Truffaut forderte als Erster, 1954, die kritische Autorschaft, und damit die Umkehrung der Hierarchie: Im Filmteam war es nun der Regisseur, der alles bestimmte. Autorenfilm bedeutet dementsprechend neben technischem Können vor allem eine stilistische Signatur, die über mehrere Filme hinweg zu erkennen ist. Die Unterhaltung wurde zur Kunst erhoben.

Auch im Design kennt man die Autoren: Wolfgang Weingart, David Carson, und April Greiman sind die Bergmanns und Godards des zweidimensionalen Stillstands. Aber kann das – insbesondere heute –funktionieren?

Laut Barthes erfolgt die Geburt des Lesers durch den Tod des Autors. Genau das proklamierte die Postmoderne, doch verkehrte sie Barthes kritischen Ansatz in eine – so Ellen Lupton an anderer Stelle – ›romantic theory of self expression‹. Das entspricht ganz sicher nicht der Aufgabe von Design, das immer an die möglichst verständliche Übermittlung intendierter Information gebunden ist. Doch kommt heute ein zusätzlicher Faktor ins Spiel: die ›Demokratie‹ des Internet. Jeder wird zum Autor und nimmt dem Wort damit den Beiklang der Autorität, denn wenn jeder schreibt, wer hat dann die Meinungshoheit? Aber davon abgesehen: Welche Aussage kann ein Grafik-Designer – über ästhetische Vorlieben hinaus – überhaupt machen? Sind es nicht eher die Interviews mit Otl Aicher, die ihn zur Ikone machten, als die ›Aussage‹ seiner Arbeiten? In diesem Sinne sehnt sich Michael Rock nach einer Welt in der man fragen kann: ›What difference does it make who designed it? Wichtiger sei, ›what it does and how it does it.‹ Für die Mehrzahl der Menschen trifft das zu, bloß auf uns Designer natürlich nicht.

Lektüre zur Lage: Helen Armstrong (Hg.): Graphic Design Theory – Readings from the Field. Princeton Architectural Press, New York 2008

 


Mateo Kries: Total Design / Rezension

2 Comments »

Mit der den Vitra-Kuratoren eigenen Eingängig- und Leichtigkeit führt Mateo Kries durch die Designgeschichte, die sich stringent auf einen Punkt zubewegt, das ›Total Design‹, so auch der Titel des Buches. Kries beginnt seine an eine breite Zielgruppe gerichtete Erzählung mit einer autobiographischen Einleitung und macht so klar: Designgeschichte ist nicht Theorie, sondern erlebte Geschichte. Elegant streift er die wichtigen Ereignisse des letzen beiden Jahrhunderte, ohne jemals sein Ziel, die totale, allgegenwärtige und für jeden zugängliche Gestaltung aus den Augen zu verlieren und schafft immer wieder Bezüge zu den Erfahrungen, Erinnerungen und Kenntnissen der breiten Leserschaft, wenn er beispielsweise Marianne Brandts Teekanne einen ›frühen Alessi-Kessel‹ nennt. Um der Dramaturgie Willen unterschlägt er frühe Höhepunkte des ›Total Design‹ wie etwa die Idee des Gesamtkunstwerkes in der Arts&Crafts-Bewegung und um die Jahrhundertwende in Österreich aus. Auch die politische Dimension der Guten Form scheint im Erzählfluss hinderlich und gelegentlich setzt er das viel ältere Phänomen der Mode mit ›Design‹ gleich.

Doch er schreibt den Mythos ›Design‹ so geschickt fort, daß der designgebildete Leser ihm gern verzeiht, wenn er lieber die bekannten Werke und Zitate wie ›Häßlichkeit verkauft sich schlecht‹ aufgreift, statt den wahren Pionieren Tribut zu zollen. Schließlich geht es in seiner Darstellung stets darum, wann etwas MAYA-massentauglich wurde, und so hat auch dieser Flug über die Designgeschichte das Potential, eben diese nun auch zu einem Massenphänomen zu machen, denn so Kries, es ist der pragmatische Umgang mit Design, ich ergänze: respektive Designgeschichte, der es bzw. sie alltagstauglich macht.

Was bleibt ist die Vorfreude auf ein größeres Publikum, gemischt mit dem Schmerz über die verlorene Elitestellung und der Sorge vor der mit jeder Popularisierenden einhergehenden Verflachung.

Mateo Kries: Total Design. Nicolaische Verlagsbuchhandlung 2010


Hidden Heros – Helden des Alltags

No Comments »

Diese ursprünglich im Dom von Buckminster Fuller auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein gezeigte Ausstellung wandert durch die Welt und das zu Recht. Sie vermittelt die Faszination für Design, die heute so oft unter fadenscheinigen, formalen ›Neuerungen‹, die nichts als gewinnbringende Mode sind, untergehen. (vgl. dazu Adolf Loos, Die Herrenmode. In: Ins Leere gesprochen, s55ff.) Es ist das Streben nach Verbesserung, nach Erleichterung. Danach etwas Kompliziertes einfach zu machen, etwas nervenaufreibendes in das Gefühl von Reibungslosigkeit zu verwandeln. Ein Reisverschluß etwa, oder ein Klettverschluß, oder ein Druckknopf. Ein Tetra-Pak, das viel leichter und robuster als eine Glasflasche ist. Oder ein Pflaster, das übrigens zunächst auch als Fahrradflicken diente. Ein Teebeutel, Konservendosen, Flaschenöffner, Kugelschreiber – wie schrecklich wäre die Welt ohne diese ›Helden des Alltags‹!

Das aber ist ein Design, das selten gewürdigt wird, denn es funktioniert so perfekt und ist so selbstverständlich, daß es gar nicht den Anschein macht, als habe jemand Zeit in seinen Entwurf gesteckt, es ist einfach da – und macht nicht viel Aufhebens darum. Dies versucht die Ausstellung ›Hidden Heros‹, kuratiert von Jochen Eisenbrand, nun auszugleichen, und zwar in der bestmöglichen Form. Die Helden werden nicht auf Podeste gestellt, es wird kein Jubel für etwas Alltägliches verlangt. Nein, einzig die Aufmerksamkeit wird gelenkt. Ihr Heldentum muss nicht inszeniert werden, denn die Leistung der Helden spricht für sich. So bekommt jeder Held einen Schaukasten, in dem er kontextualisiert wird. Denn genau so funktioniert er, im Einsatz, nicht in der Anschauung. Ein Post-it wie ein Heiligtum zu betrachten, käme wohl jedem verfehlt vor, aber zu erfahren, daß der leicht ablösbare Kleber eigentlich hätte extra stark sein sollen und nur durch die Hellsichtigkeit eines Kollegen, der genervt über herausfallende Markierungen in seinem Gesangbuch war, nicht verworfen wurde – das sind die wahren Heldengeschichten in der Designgeschichte. Mit Hilfe von Werbefilmen, Produktionsgeschichte etc. weckt die Ausstellung die Liebe und Dankbarkeit der Besucher, die anschließend in der Lage sind, sich an den kleinen Hilfestellungen durch gutes Design zu erfreuen. Sicherlich mehr, als an – abgegriffenes aber starkes Beispiel – Philippe Starcks Zitronenpresse.

An eben diese Zitronenpresse wird man jedoch erinnert, wenn man die zur Ausstellung gehörige Internetseite besucht. Jeder, der Funktionalität, Transparenz und Flexibilität schätzt, wird hier zur Weißglut getrieben. Bedauerlich. Und nah an der in ›Erbauung in 4,17 Minuten‹ formulierten Problematik.


Rezension ›Read+Play‹: Erkenne Dich selbst

No Comments »

… und falls Dir das nicht gelingt, such’ Dir wenigstens ein paar geeignete Role Models. Anregungen hierzu bietet ›Read + Play‹, ein Kompendium für Studierende des Kommunikationsdesigns. Anders als die meisten Ratgeber zur Typografie beschränkt der Autor Ulysses Voelker sich nicht auf die Darlegung von Gestaltungsregeln oder der Historie, sondern setzt sich das Ziel, die Bedeutung und Möglichkeiten von Typografie im weiteren Kontext bewusst zu machen.

Neben dem Kapitel ›Typografie ist evolutionär‹, das die Typografiegeschichte aufzeigt und den ›Regeln in der Typografie‹ gibt es daher auch die Kapitel ›Typografie ist politisch‹ – wobei ›Politik‹ hier im Wortsinn, also ›Macht‹, verstanden wird – des Weiteren ›Typografie ist Stil‹ und ›Typografie kann unter Umständen Kunst sein‹. In diesen Kapiteln werden die historischen und aktuellen Ansprüche von Typografie – an einigen Stellen leider fehlerhaft verkürzt – dargelegt, ausgewählte Stilrichtungen sozialhistorisch verankert und über die Spannung zwischen Funktion und Geschmack sowie Kunst und Design nachgedacht. Statt der üblichen chronologischen und oft ermüdend didaktisch-korrekten Abhandlung werden hier Haltungen herausgearbeitet und so die Geschichte als Speicher von Erfahrung statt von Daten und Fakten und Gestalter als Handelnde statt als abgelaufene und nicht wiederholbare Biografien dargestellt.

Mit Hilfe der rund 140 Seiten werden die Studienanfänger in eine hier immerhin stark verästelte, in Wahrheit natürlich noch stärker verzweigte Gedanken- und Bezugswelt geworfen; Auswege bieten die weiterführenden Literaturangaben und die bevorstehende Studienerfahrung. An die inhaltlich (gemessen an der Zielgruppe) stark verdichteten Kapitel schließt sich eine unverhältnismäßig extensive Diskussion an, deren rühmlichster Nutzen die hoffentlich erreichte Anregung eines ersten Selbstverortungsversuchs und die kritische Betrachtung der Lehrer auf Seiten der Studierenden sein wird. Etwas unpassend wird vor der Leserschaft diskutiert, ob diese nicht doch zu dumm sei, die vorangehenden Seiten zu verstehen. Die Lehrenden führen ausgiebig ihr kleinliches Machtgehabe und ihre unwissenschaftliche Engstirnigkeit vor, anschließend werden zum dritten Mal die Literaturangaben gemacht und einzig die Tatsache, daß das verwendete Papier wenigstens FSC-zertifiziert ist, besänftigt den Leser, der sich nun fragt, ob er sogar für zu dumm gehalten wird, bei einmaligem Lesen eine einfache Information aufzunehmen bzw. zu blättern (Verweis YouTube), ob der Autor Rhetorikregeln auf das Schreiben übertragen hat, oder ob diejenigen, die diesen Reader gestalteten ihn vielleicht zunächst hätten lesen sollen. Derartige Bissigkeit kommt allein dadurch auf, daß die vom Autor eingenommene Haltung auf ein gefestigtes Dienstleistungsverständnis und eine Vorliebe für Lesbarkeit schließen läßt und dieser Reader ansonsten konzeptionell herausragend ist. Er vermag vielleicht sogar – endlich – die klaffende, durch Zeitnot und der eher an eine Ausbildung denn an ein Studium erinnernden Lehrpläne der neuen Bachelor/Master-Studienordnungen entstandene Lücke füllen: die Reflexion über das eigene Fach, über die eigene Verantwortung aber auch die eigene Abhängigkeit, über das Eingebundensein in ein System. Freilich bleibt zu diskutieren, wie sinnvoll es ist, die durch ein System entstehenden Mängel durch den Aufruf zur Selbstverantwortung, in diesem Fall zum Selbstlernen, zu begegnen, statt das System kritisch zu hinterfragen. Doch vermutlich wurde dies zuvor sogar getan und so können die Mainzer Studierenden sich glücklich schätzen, wenigstens einen derart brauchbaren Wegweiser an die Hand zu bekommen.

J.U. Voelker / P. Glaab (Hg.): Read + Play – Einführung in die Typografie. Mainz 2010