App für Designhistoriker

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Das Glashaus von Pierre Chareau

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Für jeden, der die Moderne liebt, sie aber gleichzeitig ob ihrer Engstirnigkeit verachtet, ist das 1928–32 von Pierre Chareau in Paris gebaute ›Glashaus‹ ein Must-see. Wer nicht hinfahren kann, sollte sich die ›Baukunst‹-Reihe auf DVD kaufen, Teil 4. Chareau überträgt in diesem Haus seinen in den zuvor entworfenen Möbeln zum Ausdruck kommenden Spieltrieb fulminant auf die Architektur. Eine renitente Mieterin schuf das Setting: Ein betuchter Arzt möchte ein modernes Haus bauen lassen, doch aufgrund der beharrlichen Bewohnerin können nur die unteren (!) beiden Etagen abgerissen werden. So entsteht ein mit einer Wand aus hochästhetischen Glasbausteinen verkleideter Kubus, durchflutet von diffusem Licht. In diesem Licht formt Chareau eine Plastik, die kaum etwas mit der klaren deutschen Sachlichkeit dieser Zeit gemein hat. Vielmehr verwirklich der Architekt einen Traum von Art Déco, befriedigt sämtliche Bedürfnisse der Luxus gewohnten bürgerlichen Familie und schirmt sie hinter den Glasbausteinen gegen die unangenehme Alltagswelt der Massen ab – einzig das Zimmermädchen kann den Himmel sehen. Doch die Corbusiers kühnste Phantasien einer Wohnmaschine überbietende Ausstattung entschädigt diese aus heutiger Sicht kaum erstrebenswerte Abschottung ganz gewiss. Metallwände lassen sich verschieben, Besen verschwinden in skulpturalen Schränken und die Vielfalt edler, einfallsreicher Materialen und erfindungsreichen Konstruktionen lassen immer wieder Chareaus Freude an der Gestaltung – die für ihn Spiel und Experiment, nicht Dogma und Erziehungsinstrument war – aufscheinen.

 


Jugend 2011

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Sie tragen Hosen so eng, daß nichts in die Taschen paßt und haben lange, dünne Körper, an denen nichts hängen bleibt. Frisuren, Brillen, Getränke – alles wirkt beziehungslos, drapiert um etwas, das nicht greifbar ist. Sie tragen ihre ›Egalness‹ zur Schau, während ich mich an meine Werte, gebündelt in einem Grauburgunder, klammere. Sie entspannt es, daß auch alles anders sein könnte, während ich mir ein engmaschiges Netz aus Befindlichkeiten gestrickt habe, das mich stabilisieren soll, doch schon wenn das lauwarme Wasser, das ich morgens zur Anregung meines Stoffwechsels trinke, etwas zu lau war, ist mein Tag gelaufen. Sie dagegen laufen lässig durch die Welt und suchen nach Unterhaltung, während ich andächtig zur ›Kulturkritik‹ um 7.31 Uhr nicke und mir vornehme, noch mehr passives Wissen anzuhäufen.

 


Do you hear a click?

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Je öfter man es anschaut, desto besser wird es. Schon das Anfangsbild ist herrlich und die Mischung aus Wiedererkennen des elterlichen und großelterlichen Verhaltens vermengt sich wunderbar mit dem leichten Schmerz der Selbsterkenntnis. Die Dame feiert übrigens ihren 80 Geburtstag!

 


Pubertät 2011

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Der Altersdurchschnitt der Band liegt bei 16,5 Jahren und sie machen ›Erdbeer-Rock‹ – eine Kategorie, die sie nicht erklären können, weil sie nicht damit rechneten, je darum gebeten zu werden. Signifié und Signifant schweben beziehungslos im Raum. Die Jungs mit aufgemalten, mandelförmigen Augenbrauen imitieren britisches Englisch und antworten auf Fragen aus anderen Generationen schlicht mit ›wicked‹, woraufhin ihre Generation in Lachen ausbricht. Doch der Text ihrer Lieder ist der altbekannte: Don’t ask me ›How do you do?‹ – How the fuck should I know.

 


Fass das nicht an! – Hygiene in einer Welt des Visuellen

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Reklame prägt unsere Alltagskultur. Das wusste man schon in den 20ern, als Zahnpasta-Reklame zu so expressiver Verachtung gelblicher Zähne führte, wie sie heute nur der Zellulitis zuteil wird – Werbung als ein Bote der schönen Oberfläche (und als Instrument, ›schön‹ zu definieren). Doch noch deutlicher als die Werbung sprechen die Produkte selbst. Einzeln abgepackt suggerieren sie Keimfreiheit; eine Bekannte kauft nur noch in Läden, in denen man das lose Obst mit Plastikhandschuhen eintüten muß und kürzlich hörte ich eine Mutter ihr Kind in einer öffentlichen Toilette ermahnen: ›Wenn da nur Seife am Stück liegt, dann bennutz’ nur Wasser!‹ Doch wie in der Welt der Technik steht auch hier eine Wende vom Sichtbaren zum Unsichtbaren bevor – vom Knopf zum Touch. Auf die keimfreie, weil zwischenraumlose Tastatur folgt nun der Barhocker mit Silbersalzanteil. Diese Silbersalze töten Bakterien und damit Geruch ab, und werden daher Kunststoffen und Fliesen beigemischt. Eiche, die durch ihre Gerbsäure ebenfalls Bakterien abtötet, hat das Image von Öko statt High-Tech – und das funktioniert hier nicht, denn Keimfreiheit kann man weder fühlen, noch mit naturbelassenen Augen sehen. Und was auf die unsichtbare Verbesserung durch Silbersalze wohl zwingend folgen muss, ist die Sichtbarmachung des Mehrwerts – in diesem Fall besonders schwierig, weil es sich um ein Fehlen handelt.

Das Mindesthaltbarkeitsdatum wird übrigens dank diesbezüglicher Forschungen schon bald überflüssig werden: In die Verpackungen werden Indikatoren eingebaut, die anzeigen, wie hoch die ›Mikrobenaktivität‹ im Produkt ist – wie bereits ausgeführt: Die Dinge flippen für uns aus.

 


Kjöttboller oder Brot&Butter? Manufactum als Selbstbetrug

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Die Produkte von Manufactum brauchen sich nicht zu rechtfertigen, denn ›Es gibt sie noch, die guten Dinge‹. Ihre Existenz spricht für sich, und dennoch werden sämtliche Werbebotschaften, inklusive der Produktbeschreibungen im Katalog, ethisch aufgeladen. Das Wahre verbindet sich mit dem Guten und selbstredend mit dem Schönen. Ohnehin scheint Integrität das Losungswort zu sein: Man verwendet für langlebige Produkte regionale Materialen – besonders diejenigen, die trotz ihrer Hochwertigkeit heute fast vergessen sind. Was sagt das über den Nutzer aus, der sich mit diesen Gegenständen identifiziert? (Denn das muss er. Nur so ist zu erklären, warum betont willig derart hohe Preise gezahlt werden.)

Hier offenbart sich außerdem eine Parallele zur Arts&Crafts-Bewegung, denn auch Manufactum wendet sich gegen die Maschine, wird zum Seelsorger der von der Technik Enttäuschten, die fortan mit Muskelkraft mixen. Und wie die Produkte der englischen Reformbewegung bleiben auch ›Die guten Dinge‹ den Begüterten – oder besser: Zwirnfrottier-Betuchten – vorbehalten. Doch ist vermutlich auch das intendiert, denn die langen Texte im dicken Produktkatalog lassen nicht nur auf Freude an der Bildung, sondern auch an deren Exklusivität schließen. Wer kennt es nicht, das erkennende Nicken von Bio-Supermarkt-Tüten-Trägern? Man ist vereint im Wissen um – nein, wohl eher im Glauben. Im Glauben der Sicherheit. Der Sicherheit, der Mode entkommen zu sein, PC zu sein, alles und für immer richtig gemacht zu haben. Oh, welch schöner Selbstbetrug … moralische Erhabenheit muss man heute teuer bezahlen.

PS: Interessant ist die Tatsache, daß auch Bauhausprodukte – von Marianne Brandts Metallarbeiten bis zu Marcel Breuers Stahlrohrmöbeln – ins Sortiment erhoben wurden. Enttarnt dies mal wieder das Bauhaus? Oder doch nur dessen Rezeptionsgeschichte?

 


Keine Fälschung, trotzdem Betrug?

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Die zweifelsfrei reizvolle Stadt s’Hertogenbosch rühmt sich damit, der einzige Ort der Welt zu sein, ›wo Sie alles über Jheronimus Bosch‹ erfahren können‹. Gemeint ist damit ein Besuch des Jheronimus Bosch-Artcenters, und der Satz ist noch weit anmaßender als er schon auf den ersten Blick klingt. Zugegeben, als Verehrer von Boschs Arbeiten hätte mir auffallen müssen, daß es unmöglich ist, seine Werke in einem Museum zu vereinen – aber daß ich mit aufgeblasenen, aus noch aus 30cm Entfernung sichtbaren Druckrasterpunkten aufgebauten Reproduktionen konfrontiert würde, das irritierte mein Gemüt aufs Äußerste. Vermutlich insbesondere deshalb, weil ich bislang zu denjenigen gehörte, die lautstark forderten, in Designmuseen Reproduktionen, die man anfassen und ›be-sitzen‹ darf, aufzustellen. Genau in diesem Denk-Spalt – so scheint es – sitzt der Unterschied zwischen alter Kunst und Design. Die industrielle Produktion. Aber: Warum flößt mir ein alter Barcelona-Chair mit rissigem Leder mehr Respekt ein, als ein neuer? Sicher, die abgerundeten Kufen tragen dazu bei, aber ich ertappe mich dennoch, der Patina zu huldigen.

Zu Unrecht? Oder scheint in dem alten Barcelona-Sessel die Zeit auf, in der er noch nicht durch den massenhaften Einsatz in Banken und den Wohnungen stilloser Mittelreicher ›beschmutzt‹ war. Säubert Patina also in Wirklichkeit? Legt sie Verborgenes frei, poliert sie die Idee? Dann ziehe ich meine Forderungen zurück und sage: Idee statt haptischer Erfahrung. Und wirke so der Bifurkation von Kunst und Design entgegen.

 


The History of English Language in 10 Minutes

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Bitte auch für die Deutsche Sprache produzieren!


Das Ding und der Mensch / Teil 3

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Für jeden, der Dinge besitzt, ist das Theaterstück ›The School of Objects Critizised‹ von Alexandre Singh (entstanden 2010) Pflicht. Die Akteure sind Dinge deren Formcharakter den Charakteren entspricht, die sie darstellen: Eine unfertige abstrakte Skulptur ist die Assistentin der perfekten und eloquenten Spirale, zwei Kassettenrecorder mimen die Intellektuellen, die sich nie einig sind, eine Flasche mit Bleichmittel ist der Marxist und Künstler, der Toaster die Feministin. Der Einfluß von Woody Allen und vor allem Oscar Wilde ist klar zu erkennen – die Texte sind klug, eloquent und amüsant: Einer der Kassettenrecorder schwärmt für die Langeweile, die ein Weg zum Sublimen sei und macht sich interessant, als er hinzufügt ›I love boring people, I love boring sex and oh: boring Art!‹ Die unfertige abstrakte Skulptur pflichtet überschwenglich bei, sie findet alles aufregend, weil sie aus dem langweiligen Ohio kommt.

Herausragend wird es immer dann, wenn die Objekte nicht nur Menschen gleichen, sondern ihr Objekt-spezifisches einbringen: Recycling wird als Sakrileg verbannt, das sei doch Kanabalismus! Und der Kassettenrecorder fragt hochphilosophisch-designtheoretisch: ›Am I picked up, because I have a handle, or do I have a handle to be picked up?‹ Die Frage nach dem Schöpfer macht schließlich den Designer als Gott, aber statt Massenproduktion ziehen die Dinge sich ›passionately‹ ihre Aufkleber aus – Grafik-Design ist die Selbstverwirklichung der Dinge, wie die Kleidung für die Menschen. Ein unliebsames Thema ist das Haltbarkeitsdatum, das die meisten glücklicherweise nicht lesen können, da es auf ihrer Unterseite aufgedruckt ist. Später dreht sich das Gespräch um Gott, der ex nihilo schafft und Jesus, der eher ein Collagist ist, was zu einem Generationenkonflikt führt, denn Gott wollte, daß Wein Wein bleibt, und Wasser Wasser – der Mythos von der Traditionslosen Moderne gegen den Stilpluralismus der Postmoderne (ich wäre in dieser Welt Jüdin).

Abschließend wird die junge Kunst vom Toaster gering geschätzt – die hohle Selbstreflektion bzw -bezogenheit sei ›just a smug way to say nothing‹, weswegen man dieses Gespräch auch nicht zu Kunst machen sollte – Welch schöne Selbstironie, der ich nur zu gern widerspreche.