Nahrung wird multisensuell

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Essen kann so viel mehr sein als eine Akkumulation von Nährstoffen. Sushi ist nur ein Beispiel unter vielen: Die Vorstellung, Algen, die um rohen Fisch herumgewickelt wurden zu essen, löste unter Europäer bis vor wenigen Jahren meistenteils Entsetzen aus. Zu Unrecht, wie sich herausstellte, und so lernten wir vom Japaner, daß Essen mehr sein kann, als bloß Geschmack. Und für den Designer angesichts der berauschenden Verpackungen oft schwer zu begreifen: Sogar mehr als Optik. Essen wurde haptisch. Zur überraschenden Zartheit eines rohen Fischstreifens gesellten sich Erweckungserlebnisse wie das Gefühl eines an Geschmeidigkeit kaum zu überbietenden ›Rote-Bohnen-Küchleins‹, ergänzt um die zwischen Begeisterung und Befremden pendelnde Gefühlswelt, in die ein Moshi den Kauenden versetzt. Spätestens seit der letzten documenta wissen wir, daß Essen sogar Kunst sein kann. Das Schöne ist, daß selbst Hochkarätiges noch günstig zu haben ist. Ein Abo auf japanische Süßigkeiten (www.candyjapan.com) gibt es für weniger als 20 Euro im Monat.* Und die gute Nachricht für alle Diätbedürftigen: Man muss diese kleinen ästhetischen Wunder nicht mal essen, denn der Geschmack ist ihre geringste Qualität. Ich selbst habe schon – angewidert vom Geschmack bzw. dem irritierenden Fehlen jeglichen Geschmacks, aber fasziniert von der inneroralen Haptik – kleine Küchlein begeistert in Servietten entsorgt. Essen kann nach gar nichts schmecken und dennoch die Bestnote erhalten.
Beunruhigend ist die Frage: Darf ich als Bekennender Styling-Verachter so etwas überhaupt schreiben? Ist Ferran Adrià der Raymond Loewy des Food-Design? Wurde ich zur Inhaltslosigkeit verführt?

* Jedem, der in der Nähe von Düsseldorf wohnt, sei allerdings die Gegend rund um die Immermannstraße empfohlen.


Längst überfällige Revolution

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In der Schweiz hat sich die APPP (Anti-Power-Point-Partei)  gegründet und tritt im Oktober zur Nationalratswahl an. Das führt – nach dem Erfolg des Swiss Style – hoffentlich zur erneuten Reinigung der Welt durch das noble Bergvolk. Interface made in Switzerland, Swissinterface, Swinterface, Swissface – von mir kommt die Bezeichnung dieses zukunftsträchtigen Phänomens offenbar nicht …

 


›How to work better‹ von Fischli&Weiss

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Man hätte den Text sogar einmeißeln können, denn diese Regeln werden mindestens so lange gelten, wie die Stahlbeton-Konstruktion. Kürzlich stellte der ›Freitag‹ die Studie ›Gorrillas in our midst‹ vor, in der Probanden aufgefordert waren, die Ballwechsel eines Teams zu zählen. Nach einigen Minuten ließ man eine als Gorilla verkleidete Frau durch die Spielergruppe laufen und sich auf die Brust trommeln – nur 50% der Probanden haben sie bemerkt. Und das ernsthaft Bedenkliche daran ist: Sie glauben von sich, auch in Belastungssituationen aufmerksam und multi-tasking-fähig zu sein. Unaufmerksamkeitsblindheit nennt man das, und sie ist verschwestert mit der Unaufmerksamkeitstaubheit. Ich kenne beide und danke daher Fischli&Weiss für die freundliche Erinnerung.

Die folgenden Punkte sind nicht weniger klug oder Meißel-würdig.


Total Design goes Total Music

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Music For One Apartment And Six Drummers from Mister Magnus on Vimeo.

Jetzt, da das Design scheinbar jeden Winkel unseres Lebens in Besitz genommen hat, fordert  eine andere Berufsgruppe die Ausweitung ihres Tätigkeitsbereichs: Die Musiker. Und wie beim Design gilt: Wenn es gut gemacht ist, ist es ein Erlebnis – auf Dauer würde aber wohl doch der Wunsch nach Ruhe aufkommen.


Orchideen – Ein Versuch

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Warum nur sind sie so beliebt? Sprechen sie den ›deutschen Geist‹ an? Immerhin nennen die Norweger und eine Nation voller dünnbeiniger Menschen mit großem Geist. Ähnlich sehen auch diese Gewächse aus und seit mir eines ins Büro gestellt wurde, verstehe ich ihre Beliebtheit noch weniger. Es scheint mehr als eine Mode zu sein, eher ein Trend. Das Argument, sie seien pflegeleicht, lasse ich nicht gelten – sie jede Woche in einer Badewanne zu wässern empfinde ich als sehr zuwendungsbedürftig. Was bringt also Menschen dazu, sich diese mageren Pflanzen mit an Vogelspinnen erinnernden Wurzeln auf die Fensterbänke zu stellen? Strahlen sie tatsächlich trotz Preisinflation noch Luxus aus? Und welchen Reiz haben sie noch, nachdem sie ihre Blüten abgeworfen haben und dann wochen-, wenn nicht monatelang karg mit wenig schönen Sukkulenten-Blättern herumstehen? Niemand konnte mir bislang eine Antwort geben.


The New Dandyism

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Schon vor einigen Jahren verblüffte mich bei der Lektüre von Oscar Wildes Bildnis des Dorian Gray dessen Aktualität. Der schöne Jüngling, ein Dandy-Denkmal des ausgehenden 19. Jahrhundert, lebt zurückgezogen von der schnöden Industriewelt, Formfragen sind alles für ihn, wobei alles ist möglich ist, solange es nicht banal oder alltäglich ist. Auf die Kodierung kommt es an. Alles dreht sich um die eigene, durch Selbstbezug verzogene Gefühlswelt und statt in die Realität gestalterisch einzugreifen, gab man sich elgegischen Gedichten von Rilke oder Poe hin – die Parallelen zu den Blogs einiger junger Gestalter sind kaum zu übersehen. Die Lust am Widerspruch wird zum Habitus, wie einst bei Oscar Wilde.* Die Form, sei es deren greifbare oder rhetorische Qualität, wird zum Maßstab für die Exklusivität – das einzige, was auch heute niemals jeder haben kann. Passend dazu leben wir in einem gestalterischen Historismus, wie es ihn seit einem Jahrhundert nicht mehr gegeben hat. Was damals die Weltausstellungen waren, sind heute Magazine und das Internet. Ich freue mich auf die erste ernsthafte Publikation zu diesem Phänomen.

*Vgl. u.a. »An der Ampel wartet ein Satanist artig auf Grün. 4 Meter weiter empfiehlt mir ein schäbiger Aufkleber auf einem Zigarettenautomat ›Live your Life‹. Schon länger ist der Widerspruch mein neuer Begleiter.« (Narcisse von Versuz, 2011)


Das Ungeplante planen – Shared Space

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Im Vergleich zum deutschen Schilderwald ist bereits die Bodenwelle ein Gewinn. Anders als ihre grafisch zweifelsohne reizvolleren Kollegen spricht sie kein Verbot aus, streng genommen nicht einmal ein Gebot. Sie überlässt es uns selbst, ob wir den Unterbau des Wagens schädigen wollen. Doch nun gibt es eine weitere Steigerung der Eigenverantwortung. Sie nennt sich Shared Space und kommt – wie könnte es anders sein – aus den Niederlanden. Realisiert wurde sie bereits in Hamburg (Lange Reihe) und Berlin (Wilmersdorfer Straße). Das scheint auf den ersten Blick leicht, denn Shared Space bedeutet zunächst, alle Schilder zu entfernen, ebenso die Ampeln und die Bordsteinkanten. ›Alle haben Vorfahrt‹, wie Hanno Rauterberg seinen (lesenswerten) Artikel in der ›Zeit‹ betitelte – eine wahre Freude für alle, die den strengen Blicken der folgsam an roten Ampeln vor leeren Straßen Wartenden gerne mit dem Zuruf ›Selber Denken ist der neueste Trend‹ begegnen (würden). Shared Space setzt genau darauf und ist merkwürdiger Weise sicherer als der übliche, Regel-durchfurchte Stadtraum. Die Menschen werden unsicher und daher aufmerksamer. Und sogar freundlicher, denn Shared Space erfordert Blickkontakt und Abstimmung – so hat der öffentliche Raum endlich wieder eine ›zivilisierende Wirkung‹. Und, so Rauterberg weiter: ›Immer siegt am Ende die Macht der Ästhetik über die Macht der Paragrafen.‹ Jetzt müssen nur noch die zunehmend häßlicher werdenden Autos entfernt werden und schon kann man wieder schöne Fotografien von Straßenzügen machen.


Will ich ein Autor sein? Zu Michael Rocks ›The Designer as Author‹

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Der Inhaber von 2×4 (New York) verfasste benannten Text 1996 und hinterfragt darin das Selbstverständnis der Designer. Nicht ohne Grund, denn das, was die Filmregisseure seit den 50ern für sich einfordern, wollen nun auch immer mehr Designer ihr Eigen nennen. Eine Handschrift. Im Film entwickelte sich der Wunsch nach Autorschaft aus der Herrschaft der Produktionsfirmen heraus, die Regisseure zur Umsetzung vorgegebener Projekte engagierten. Klingt vertraut. Truffaut forderte als Erster, 1954, die kritische Autorschaft, und damit die Umkehrung der Hierarchie: Im Filmteam war es nun der Regisseur, der alles bestimmte. Autorenfilm bedeutet dementsprechend neben technischem Können vor allem eine stilistische Signatur, die über mehrere Filme hinweg zu erkennen ist. Die Unterhaltung wurde zur Kunst erhoben.

Auch im Design kennt man die Autoren: Wolfgang Weingart, David Carson, und April Greiman sind die Bergmanns und Godards des zweidimensionalen Stillstands. Aber kann das – insbesondere heute –funktionieren?

Laut Barthes erfolgt die Geburt des Lesers durch den Tod des Autors. Genau das proklamierte die Postmoderne, doch verkehrte sie Barthes kritischen Ansatz in eine – so Ellen Lupton an anderer Stelle – ›romantic theory of self expression‹. Das entspricht ganz sicher nicht der Aufgabe von Design, das immer an die möglichst verständliche Übermittlung intendierter Information gebunden ist. Doch kommt heute ein zusätzlicher Faktor ins Spiel: die ›Demokratie‹ des Internet. Jeder wird zum Autor und nimmt dem Wort damit den Beiklang der Autorität, denn wenn jeder schreibt, wer hat dann die Meinungshoheit? Aber davon abgesehen: Welche Aussage kann ein Grafik-Designer – über ästhetische Vorlieben hinaus – überhaupt machen? Sind es nicht eher die Interviews mit Otl Aicher, die ihn zur Ikone machten, als die ›Aussage‹ seiner Arbeiten? In diesem Sinne sehnt sich Michael Rock nach einer Welt in der man fragen kann: ›What difference does it make who designed it? Wichtiger sei, ›what it does and how it does it.‹ Für die Mehrzahl der Menschen trifft das zu, bloß auf uns Designer natürlich nicht.

Lektüre zur Lage: Helen Armstrong (Hg.): Graphic Design Theory – Readings from the Field. Princeton Architectural Press, New York 2008

 


Mateo Kries: Total Design / Rezension

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Mit der den Vitra-Kuratoren eigenen Eingängig- und Leichtigkeit führt Mateo Kries durch die Designgeschichte, die sich stringent auf einen Punkt zubewegt, das ›Total Design‹, so auch der Titel des Buches. Kries beginnt seine an eine breite Zielgruppe gerichtete Erzählung mit einer autobiographischen Einleitung und macht so klar: Designgeschichte ist nicht Theorie, sondern erlebte Geschichte. Elegant streift er die wichtigen Ereignisse des letzen beiden Jahrhunderte, ohne jemals sein Ziel, die totale, allgegenwärtige und für jeden zugängliche Gestaltung aus den Augen zu verlieren und schafft immer wieder Bezüge zu den Erfahrungen, Erinnerungen und Kenntnissen der breiten Leserschaft, wenn er beispielsweise Marianne Brandts Teekanne einen ›frühen Alessi-Kessel‹ nennt. Um der Dramaturgie Willen unterschlägt er frühe Höhepunkte des ›Total Design‹ wie etwa die Idee des Gesamtkunstwerkes in der Arts&Crafts-Bewegung und um die Jahrhundertwende in Österreich aus. Auch die politische Dimension der Guten Form scheint im Erzählfluss hinderlich und gelegentlich setzt er das viel ältere Phänomen der Mode mit ›Design‹ gleich.

Doch er schreibt den Mythos ›Design‹ so geschickt fort, daß der designgebildete Leser ihm gern verzeiht, wenn er lieber die bekannten Werke und Zitate wie ›Häßlichkeit verkauft sich schlecht‹ aufgreift, statt den wahren Pionieren Tribut zu zollen. Schließlich geht es in seiner Darstellung stets darum, wann etwas MAYA-massentauglich wurde, und so hat auch dieser Flug über die Designgeschichte das Potential, eben diese nun auch zu einem Massenphänomen zu machen, denn so Kries, es ist der pragmatische Umgang mit Design, ich ergänze: respektive Designgeschichte, der es bzw. sie alltagstauglich macht.

Was bleibt ist die Vorfreude auf ein größeres Publikum, gemischt mit dem Schmerz über die verlorene Elitestellung und der Sorge vor der mit jeder Popularisierenden einhergehenden Verflachung.

Mateo Kries: Total Design. Nicolaische Verlagsbuchhandlung 2010