T-Shirts, Marken, Individuen

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Damals … da trug man mit Stolz Markenjacken, Pullover und T-Shirts – und damit es jeder sehen konnte, musste der Markenname möglichst groß darauf gedruckt sein. Für orientierungslose Teenager schien das durchaus sinnvoll und kam einem Bekenntnis gleich. Dieser Trend ist trotz immer stärker werdender Marken (vgl. beispielsweise den neuen Adidas-Campus, auf dem alle Mitarbeiter ›gebrandet‹ werden) rückläufig. Auch dies leuchtet auf den ersten Blick ein, schließlich wirken – vermutlich gerade wegen der Tendenz zum ›Branding‹ der Mitarbeiter – die Träger solcher Herz- und Rückenbekenntnisse heute bei flüchtigem Hinsehen wie Briefträger, Paketboten, Handwerker im Dienst o.ä., kurz: wie unfreie Arbeitnehmer.

Ersetzt wurden die Markenaufschriften (mindestens kurzzeitig) durch ›Selbstbekenntisse‹ wie ›Zicke‹ etc.* Doch derart einseitige Bekenntnisse wirken heute seltsam einengend, geradezu ›endgültig für einen Tag‹, verglichen mit der viel differenzierteren Art des Gruppen-Zugehörigkeits-Bekentnisses, das heute auf Facebook möglich ist. Unzulässiges Fazit: digital-soziale Netzwerke helfen visueller Verschmutzung vorzubeugen.

 

* Natürlich tragen diese T-Shirts fast ausschließlich eben jene Arbeitnehmer; die ›kreative Klasse‹ bekennt sich standesgemäß zu Stilen, Interessen und Humor-Richtungen, indem sie Illustrationen trägt.

 


Auto-Korrektur

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War ich zu hart? Vielleicht. Sogar unreflektiert? Ganz sicher. Denn im Grunde betreibe ich selbst nichts anderes als eine elaborierte Form des Historismus. Wenn ich mich typografisch an der klassischen Form orientiere, dann – nun, ist das ewig Wahre nicht auch schon ziemlich alt? Innovativ ist es auf jeden Fall nicht. Und ganz egal, wie viele ›steile Thesen‹ ich formuliere, sie gehen immer von der Gegenwart, meist sogar der Vergangenheit aus.

Wenn ich Studenten also vorwerfe, Stile zu zitieren, ist das wohl etwas vorschnell geschossen, denn wie René Spitz es kürzlich treffend formulierte: Jedes Design beruht auf Erinnerung. Auf der Auseinandersetzung mit Vergangenem. Im besten Falle natürlich verknüpft mit dem Wunsch, etwas zu verbessern. Ich muss meine Kritik also präzisieren und schimpfe nun auf die Zufriedenheit, die fehlende Kritikfähigkeit und vor allem das Fehlen einer Zukunftssehnsucht, die über den nächsten Trend hinausgeht.

Und in dem Punkt kann ich mir natürlich beruhigend zuflüstern: Das ewig Wahre wird immerhin auch morgen noch gelten. (Bloß verändern wird es nichts, vermutlich bin ich also von noch größerer Zukunftsangst geprägt als die sorglosen Studenten, die immerhin den Wechsel der Trends nicht scheuen – verdammte Selbstreflektion!)

 


Über den Wert der Geschichte

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Ende September ist an den Universitäten Prüfungszeitraum. Und nicht nur die praktischen Fähigkeiten der Designer werden bewertet, sondern auch ihre Fähigkeit zu Denken (Designwissenschaft) und das historische Wissen (Designgeschichte), das an den Universitäten einen zwar nicht gleichwertigen, aber dennoch höheren Anteil, als an den Fachhochschulen hat.

Das wäre wenigstens anzunehmen, scheint aber nicht bei allen Studenten der Fall zu sein. Wenn man jedoch auf die Frage danach, welche Rolle die Gedanken der Avantgarde heute noch spielen, die Antwort erhält: ›Ja, alles neu zu machen, dass ist auch heute noch wichtig‹, wird man skeptisch. Zu ungläubig aufgerissenen Augen führt jedoch erst die Erkenntnis, dass die Studenten tatsächlich glauben, dies zu tun. Der Tatsache, dass die meisten ihrer ›Umwälzungen‹ Stilzitate sind, sind sie sich offenbar nicht bewusst. Das lässt nicht nur auf mangelndes Geschichtswissen schließen (was ich verzeihen würde), sondern auch auf eine gegen Null strebende Selbstreflexion. Wer nicht einmal merkt, dass die Bilderwelten von fffound, flickr, etc. das eigene ästhetische Empfinden beeinflussen und die Gefahr, ein Plagiat zu gestalten, erhöhen, der – was soll ich sagen?

Mir selbst hat die Auseinandersetzung mit Gestaltern wie Jan Tschichold mehr gebracht, als mancher praktische Kurs – nicht in Bezug auf technische Fertigkeiten, aber ich habe an der ›fremden Vergangenheit‹ gelernt, Kriterien für die Beurteilung von Gestaltung zu entwickeln.

Glücklicherweise geht das auch anderen so, und es gibt immer wieder Erst- und Zweitsemestler, die durch profundes Wissen beeindrucken und beglücken. Vergleicht man deren Noten in Theorie-Prüfungen mit denen in den praktischen Fächern, stellt man oft eine positive Korrelation fest. Offenbar schauen sich die Theorie- und Praxis-Professoren häufig nickend an und urteilen ›Sehr gut‹. Oder eben ›Na ja‹ – und geben eine 1,7. Aber das ist ein anderes Thema.

 


Formgebung vs. Entwurf vs. Design

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Schon wieder sind uns die Holländer voraus. Gert Dumbar differenziert die Begriffe ›vormgeving‹ und ›ontwerp‹, die im amerikanischen unter ›design‹ zusammengefasst werden: Ersteres ›is more to make things look nice. So for instance, packaging for a perfume in order to make things fashionable, obsolete and therefore bad for society because we don’t really need it.‹ Wohingegen ›ontwerp‹ meint: ›You as a person try to invent a new thing—which is intelligent, which is clever, and which will have a long-life. And that’s called stylistic durability. It means you can use it for a long time.‹ Zwar behauptet Dumbar, auch in Deutschland gebe es diese Unterscheidung, doch übersieht er, daß wir die Vielfalt unserer Sprache in diesem Punkt haben verkümmern lassen. Die Begriffe ›Formgebung‹ und ›Entwurf‹ sind in Deutschland heute unter ›Design‹ subsummiert. Da hilft selbst der altkluge Kommentar ›Aber Formgebung wurde in den 50ern und 60ern genau für die Tätigkeit verwendet, die Dumbar »ontwerp« nennt‹, nicht. Wir haben uns etwas entgehen lassen, als wir glaubten, das Schlagwort ›Design‹ würde der Profession mehr Anerkennung bringen.

via swissmiss

Bitte beachten Sie: Die in Deutschland übliche Zitierordnung erst doppelte, dann einfache Anführungen‹ wurde bewusst umgekehrt und der britischen Zitierweise angepasst: Erst einfach, dann doppelt. Das ist logischer, spart Platz und sieht besser aus. Wenn ich nur einmal im Leben einen Trend setzen dürfte, dann soll es dieser sein.


Inszenierte Nicht-Gestaltung

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Man trägt jetzt Ansatz. Dies kann als weiterer Ausdruck eines erstarkenden Bedürfnisses, dem Bedürfnis nach Natürlichkeit, mehr noch, dem Bedürfnis nach etwas Ungestalteten, interpretiert werden. Wir treten in die Epoche des ›Post-Punk‹ ein, aus Anti-Haltung wird Desinteresse, man läßt es einfach wachsen.

Doch in Hollywood lassen sich Stars inzwischen Ansätze färben: ›Non-Design‹ wird Glamour-tauglich. Somit wird die neue Haltungslosigkeit, der Versuch, dem Design zu entgehen, sogleich absorbiert und ad absurdum geführt. Die Tatsache, daß es sich nur um ein weiteres Stilattribut handelt, offenbart die Widersprüchlichkeit und Auswegslosigkeit des Ansatzes (in doppeltem Sinn), denn ein gefärbter Ansatz ist nicht weniger bewusst gestaltet, als eine nachgefärbte Blondierung.

Es geht also weiter auf dem Design-Karroussel. Leider zu langsam, als daß jemand herunter geschleudert würde, aber schnell genug, daß es empfindsamen Mitfahrern auf den Magen schlagen kann.

 


Spaß am Sonntag

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Präzise Aussagen helfen Missverständnisse zu vermeiden – warum Satzzeichen jetzt am Ende des Satzes auch verboten sind und stattdessen in der Mitte platziert werden müssen, wird mir ein Rätsel bleiben …

Dank an Jess Prentzel für Fund und Wurf!


Das Ding und der Mensch / Teil 4

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Bewusstsein kann äußerst einengend sein. Und Dinge zu sehen, kann blind machen. Dieser Eindruck entsteht zumindest im Film ›Koolhaas houselife‹. Der Zuschauer folgt der Putzfrau Guadalupe durch ein zweifellos wunderschönes, von Koolhaas entworfenes Privathaus und beobachtet sie im Umgang mit der Architektur und deren Tücken. Dazu befragt, gesteht sie den Hausherren souverän deren eigenen Geschmack zu, würde aber selbst nicht so ›grau‹ und oftmals unpraktisch wohnen wollen. Auch der Gärtner kommentiert angesichts der durch spiegelnde Wandflächen verbrannten Grasflächen schlicht: ›Das ist schließlich kein Rasen, das ist Kunst.‹

Doch die Regisseure versuchen nie, die Architektur schlecht zu machen – ihre Schönheit und das oftmals verwirklichte Streben nach formschöner Funktionalität bleibt unangetastet. Aber die Diskrepanz zwischen Denken und Handeln, zwischen Idee und Wirklichkeit, wird auf erfrischende Weise deutlich.

Wenn ich sitze, will ich nicht
sitzen, wie mein Sitz-Fleisch möchte,
sondern wie mein Sitz-Geist sich,
säße er, den Stuhl flöchte.

Der jedoch bedarf nicht viel,
Schätzt am Stuhl allein den Stil,
überlässt den Zweck des Möbels
ohne Grimm der Gier des Pöbels.

Tucholsky

In diesem Sinne: Trotz der nichtssagenden Trailer erwarte ich freudig die nächsten Filme vom Ila Bêka und Louise Lemoîne.

www.bekafilms.it


 


Graphic Design beats Reality

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Mit anteilnehmendem Dank an Jess Prenzel, die nach Abziehen der Lasche (Ausschau haltend nach abgebildetem Objekt) nebenliegendes Holzstück entnahm.


Verpasst: Design for life

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Germany’s next Topmodel für Designer! Hauptpreis ist kein Lächeln auf dem Vogue-Cover, sondern: ein sechsmonatiges Praktikum bei Philippe Starck, das genrekonform als ›Die Chance deines Lebens‹ angepriesen wurde. Von wem? Starck selbst natürlich, dem Moderator der von der BBC gemachten Casting-Show ›Design for life‹. Ich verharre in einer Mischung aus Neid (die Engländer interessieren sich viel mehr für Design als wir), fasziniertem Entsetzen und der Hoffnung, eine Aufzeichnung auftreiben zu können.

 


Informationsdesign für Fortgeschrittene

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›Nie schien mir ein Verkehrsschild schlüssiger …‹ Zitat Jess Prenzel, Humor-Heldin