Projektbausteine Design

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Endlich jemand, der sich mit dem vernachlssigten Thema ›Designvermittlung in der Schule‹ beschäftigt! Vielleicht waren infolge meine Euphorie die Erwartungen zu hoch, denn großes Unbehagen, gefolgt von Aggression befiel mich, als ich das Heft ›Projektbausteine Design‹ durchblätterte. Warum muss ausgerechnet ein Heft, das Design vermitteln möchte, so unfassbar schlecht gestaltet sein? Und damit meine ich nicht nur, dass es unattraktiv ist und somit das darin behandelte Thema beleidigt, nein, die gewählten ›Icons‹ betonen auch genau die Aspekte am Design, die ganz sicher nicht vermittelt werden sollen: Es sind zu wenig abstrahierte und eindimensionale Illustrationen, denen es an transformierender Qualität fehlt.

Nach der Lektüre musste ich meine Meinung jedoch ändern, denn die gestellten Aufgaben regen zum Nachdenken an und lassen die Schüler sicherlich ein tieferes Verständnis für den Vorgang der Gestaltung und deren Ziele entwickeln. Zwar ist der Tonfall mal zu ›hip‹, mal lehrmeisterhaft, mal werden die Schüler für recht dumm gehalten, doch fehlt mir die Erfahrung, dies zu bewerten.

In diesem Sinne: Bitte nochmal einen Designer, wie er im Innenteil beschrieben wird, an die Gestaltung lassen und dann unbedingt im Unterricht einsetzen.

 

PS: Bloß nicht den Film schauen! Wie kann man einer an Videoclips, Animations- und sonstigen Filmen geschulten Generation so etwas anbieten!

 


Zu viele gute Designer!

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Jeder kennt die Situation. Man liest in einem Magazin, der Inhalt überzeugt und man denkt sich: Das müsste wirklich mal jemand angemessen gestalten. Das gleiche gilt für Flyer gelungener Veranstaltungen. Inzwischen hat anscheinend eine Schwemme gut ausgebildeter Designer den Markt erreicht, während die Literaturwissenschaftler, Germanisten etc. sich aufs Taxifahren oder andere lukrative Berufe verlegt zu haben scheinen.

Die Folge ist beinahe dramatischer als die vorherige Situation, denn plötzliche glaubt man Qualität, wo keine ist. Schon bei meinen stark wenn nicht ausschließlich durch die Etiketten geleiteten Weinkäufe hatte ich gelegentlich den Eindruck, daß es nicht mein mangelhaft ausgebildeter Geschmack ist, der den Wein weniger gut als erwartet schmecken ließ. Nun greift dieses Phänomen offenbar auf die Zeitschriften über. ›Stylus‹ motiviert durch großzügiges Layout und hervorragend geschossene und bearbeitete Fotografien zur Lektüre, die schnell in fassungsloses Blättern übergeht: Sämtliche Texte scheinen von den Inhabern kleinerer Architekturbüros, Badezimmereinrichtungsfirmen etc. verfasst worden zu sein – es ist ein Graus. Ich ertappte mich sogar bei dem Gedanken, ein ›Textdesign‹-Seminar an Volkshochschulen zu fordern, verwarf diesen natürlich erschrocken sofort wieder und nicke statt dessen den durch die Bibliothek trottenden ›Germanistik-Erstis‹ aufmunternd zu.

 


Humor

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Ein kurzes Plädoyer für’s Bahnfahren: Neben mir saß ein Herr, der nicht schallend, aber deutlich hörbar lachte. Durch die erzwungene Nähe enthemmt, schaute ich in seine Lektüre und stellte verblüfft fest: Formeln. Nichts als Formeln.

Dank an DB für die Erinnerung, daß nicht nur Typografen einen für außenstehende unverständlichen Humor entwickeln und scheinbar trockene Berufe arge Freude machen können.

 


Kunst sehen, Kunst denken, Kunst fühlen

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Der Deutsche hat ein sehr spezielles Verständnis von Kritik. Dies bestätigte mir das Gesicht einer englischen Bekannten während eines Publikumsgesprächs mit dem renommierten Choreographen William Forsythe. Erschrocken blickte sie mich an, als ein Herr, der sich in arrogantem Tonfall als Dramaturg vorstellte und daher zur Negativkritik autorisiert glaubte, über Forsythes Werk ausließ. Seine fachliche Unkenntnis lies die Tanzstudenten neben uns kichern, bis ein weiterer Herr, Journalist, in die dilettantischen Tiraden einstimmte.

Forsythe blieb gelassen, er lebt schon länger in Deutschland, und schien die Kritik als willkommene Abwechslung zu den üblichen Lobgesängen aufzufassen. Meine Bekannte ließ es sich dennoch nicht nehmen, anschließend zu ihm zu gehen und anzumerken, daß sie das Stück sehr genossen habe. Tatsächlich fragte er erleichtert ›You do dance yourself, don’t you?‹ Selbstverständlich tanzt sie. Und selbstverständlich nimmt ein Tänzer eine Performance anders wahr als jemand, der noch nie getanzt hat. Das dahinter liegende Problem ist allerdings weniger leicht zu lösen: Muss Kunst verständlich sein? Muss uns der Künstler etwas sagen wollen? Oder liegt es an uns, ihn zu verstehen? Ist nicht eben das große Kunst, was jeden anrührt, wie es beispielsweise die Stücke von Pina Bausch vermögen? Forsythes Choreographien sind sehr komplex, er rekurriert auf die Tanzgeschichte, zitiert Kollegen – alles über die Bewegung. Dennoch sind die Stücke emotional eingängig, der Intellekt dominiert sie nicht, gibt aber dem Wissenden einen Mehrwert – ein selten erreichtes Ideal.

Scheinbar teilten nicht alle diese Meinung, viele mokierten, sie hätten das Stück nicht ›verstanden‹. Natürlich kann auch ich nicht mit Sicherheit sagen, was Forsythe mir sagen wollte, aber er hat mir etwas gesagt. Doch in einem zunehmend vom Kommentar abhängigen Kunstbetrieb und einer an Design gewöhnten Gesellschaft scheint der eigenartige, wenn nicht einzigartige Zugang zur Kunst nicht ausreichend trainiert zu werden. Die Fähigkeit zur Freude am Uneindeutigen und vor allem am Unsagbaren scheint wenig populär zu sein und individuelle Assoziationen was für Spinner und Selbstfindungs-Getriebene. Vielleicht könnte man Theater und Tanz demnächst als ›Emotions-Training‹ verkaufen? ›Vergrößern Sie Ihren Assoziationsradius, stärken Sie ihre Emotionen durch Katharsis …‹ Vielleicht könnte man es sogar als Extremsport vermarkten, denn zum Kunsterlebnis gehört immer auch Mut. Und Orientierungslosigkeit – also vielleicht etwas Richtung ›Kunst querfeldein mit Intervall- und Kompasstraining‹?


Idealismus und Wehmut

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Nur wenige Jahre ist es her, seit ich ein Diplom überreicht bekam. Und ich erinnere mich gut daran, schon während des Studiums das Gefühl von Professionalität verspürt zu haben. Immerhin war ich schon berufstätig und hatte zufriedene Kunden. Heute blicke ich mal mit Wehmut, mal altklug auf den Idealismus von Studenten, die Satzfehler in 600-Seiten-Publikationen bemängeln. Leider weiß ich inzwischen, daß nicht immer genug Zeit ist, alles so gut zu machen, wie man es sich als Student zu machen geschworen hat. Gleichzeitig weiß ich heute, daß meine damals gefühlte Professionalität nicht immer so groß war, wie ich in jugendlichem Übermut angenommen hatte.

Umso erfreulicher ist es Studenten zu sehen, die Idealismus und Professionalität auf schönste Art vereinen. So beispielsweise die Studierenden der Folkwang-Universität, die 2x jährlich eigenen Choreographien tanzen bei denen ich mich ertappe erschrocken zu denken: Wie kann man denn in dem Alter schon so klug und lebensweise sein? Oder Musikstudenten, die eine 20er-Jahre-Revue singen – hier schient es gar, als sei es von Vorteil, daß der Idealismus die Berufserfahrung überwiegt: Ganz ungebrochen lieben sie das Singen, ganz gleich wie es um die finanzielle Situation der Opernhäuser steht, fernab von jeder Desillusionierung.

– Oh weh, darf man sich unter 30 schon in seine Jugendzeit zurück sehnen?