Die Sehnsucht nach Schmetterlingen

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Wie viel Schönheit passt in einen Moment? Viel zu viel. Nahezu unerträglich schön waren die Auftritte von Silas Hendriksen, der erahnen lässt, wie es Bewunderern von Nurejew ergangen sein muss – Offenbarung scheint als einzig passendes Wort für diese Erfahrung zu verbleiben. Auch die übrigen Tänzer des Nederlands Dans Theaters überzeugen durch Präzision und Ausdruckskraft, mit der sie subtilen Humor, Schmerz und emotionale Feinheiten erfahrbar machen, die durch Worte nicht zu fassen wären. Klingt kitschig? Pathetisch? Das würde mir leid tun, denn davon sind die Stücke ›Sehnsucht‹ und ›Schmetterling‹ weit entfernt. Ersteres ist ein Wort, das mit dieser spezifischen Konnotation angeblich nur im Deutschen exisitertweit beeindruckender als diese Information war das Bühnenbild: Ein frei schwebend über der Bühnenfläche montierter Kubus, in dem ein Zimmer eingerichtet ist. Während des Stücks dreht es sich und mit ihm anscheinend die Schwerkraft. Das jedenfalls suggerieren die Tänzer, die ihr mit Leichtigkeit trotzen, so daß der Zuschauer in einen surrealen Traum versetzt wird. Nach jeder Sequenz möchte man rufen ›Nein, das soll noch nicht vorbei sein‹, doch wird man schnell von der neuen Szene in Bann  gezogen. Und während die Choreografen Sol Léon Paul Lightfood in ›Sehnsucht‹ Jiri Kilian in seinem Gespür dafür, klassische Musik und modernes Ballett zu verbinden in nichts nachstehen, greifen sie für ›Schmetterling‹ zur amüsant-selbstironischen Musik der Magnetic Fields. Die Stimme des Sängers unterstreicht die Lässigkeit der Tänzer, die mal humorvoll mal tänzerisch virtuos über die Liebe variieren – doch hier muss ich einsehen: Tanz in Worte zu fassen gelingt nur dann, wenn der Zuhörer das Stück auch gesehen hat. Ein Dialog über gemeinsame Erfahrung scheint möglich, Berichte hingegen wirken fast immer unbeholfen.

In diesem Sinne: Auf, auf, Holland ist zum Glück nicht weit.

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