Hygienewahn

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Alle sprechen von ihr, überall ist sie zu sehen, Preise regnen auf sie hernieder: Die Rinser Toothbrush. Die Idee: Eine Zahnbürste, in sich als Fontäne nutzen lässt. Deutschland ist nicht unbedingt das Land, in dem Fontänen als Wasserspender verbreitet wären, dennoch gibt es einen Red Dot, denn es geht natürlich nicht darum, zu trinken, sondern darum, sich den Mund auszuspülen. Dafür braucht man normalerweise einen Becher, oder aber – und dies ist nach meiner nicht haltbaren empirischen Forschung häufige – man benutzt die eigene Hand als Auffangbecken, aus dem man anschließend trinkt. Das ist nun, Designer sei Dank, nicht mehr nötig, endlich muss man nicht mehr die eigene, wohlmöglich schmutzige Hand mit den Lippen berühren und Wasser, das sich in ihr befand, in den Mund aufnehmen. Welch eine Erleichterung. Ein weiter Schritt Richtung Keimfreiheit. Ich berichtete bereits davon, wie eine Mutter ihrem Kind sagte: ›Wenn da nur ein Seifenstück liegt, benutz’ es nicht, nimm nur Seife aus einem Seifenspender.‹ Hände und Dinge, die andere Menschen angefasst haben, sind offenbar höchst gefährlich. Ich kann das nachvollziehen, ich fahre nie mit der Deutschen Bahn, ohne ein Desinfektionstuch bei mir zu tragen. Ich wünschte bloß, daß sich noch ehe der Hygienewahn krankhaft wird einfach mal durchsetzen würde, daß man im Zug nicht alle erdenkliche Energie darin investiert, möglichst viel Schleim bei geöffnetem Mund aus den Lungen hoch zu husten. Vielleicht nehme ich demnächst eine Rinser Toothbrush mit und sprinkele mit ihr Mundwasser in die entsprechenden Münder.

 


Garten, Design und Artischocken

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Nein, ich habe keinen Garten. Nein danke, ich möchte auch keinen. Und nein, es würde mir nicht gut tun, ein wenig in der Erde zu wühlen.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe Spaß an der Urban Gardening-Bewegung – gerade für schrumpfende Städte wie Wuppertal ist das eine hervorragende Möglichkeit, Freiflächen zu nutzen, meinetwegen können etliche leerstehende Gebäude abgerissen und durch Beete und früchtetragende Büsche ersetzt werden. Lediglich die erhobene Nase der Gärtner stört mich ein wenig, die Tatsache, daß sie glauben, tatsächlich einen Ausweg aus dem Problem gefunden zu haben. Für sich haben sie das, ja. Auch wenn ich bezweifle, daß sie die Energie hätten, Nahrungsmittel oder Tauschbares für ein ganzes Jahr zu produzieren. Aber mal im Ernst: Ihr glaubt doch nicht, daß das die Zukunft ist? Daß Eigenanbau eine Alternative zur ›industriellen‹ Produktion von Nahrungsmitteln ist. Daß man die exponentiell ansteigende Weltbevölkerung aus kleinen Gärten ernähren kann.

Da ist mir diese weit realistischere Beziehung zu Garten, Leben und Menschen weit lieber:

›Versuche die Perspektive des Gemüsegartens durch Verlängerung der gepflasterten Pfade zu erweitern, stoße aber auf Artischocken und Vitas Entrüstung. Danach betrübt auf dem Rasen Unkraut gejätet.‹

Harold Nicolson, Ehemann der englischen Schriftstellerin und Gartenarchitektin Vita Sackville-West

 


Sprich mit mir! Bitte, Bitte sprich mit mir!

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Gutes Design ist immer schön anzuschauen. Darum ist auch das Kunstgewerbemuseum in (setzen sie hier einen Städtenamen ihrer Wahl ein, denn sie sind alle gleich) einen Besuch wert. Wer allerdings in Sachen Designgeschichte bewandert ist, sollte es meiden, denn er wird enttäuscht sein, die ewig gleiche Aufreihung der Klassiker auch hier wieder abschreiten zu dürfen. Doch nein, ich korrigiere meinen ersten Eindruck, Wissende dürfen das Museum besuchen. Aber die Unwissenden, die sollen bitte nicht hinein gehen. Denn ihnen wird ein völlig falscher Eindruck von Design vermittelt. Es wirkt langweilig, vergangen und selbst mit farbiger Oberfläche und durchgefärbtem Kunststoff irgendwie grau. Von Podesten hält man hier nichts, vielleicht, weil man Design ja nicht auf ein Podest heben soll, denn es ist ja ein Gebrauchsgegenstand. Dann erwarte ich aber auch Konsequenz. Dann will ich ein tolles Ausstellungskonzept inklusive pädagogischem wohlmöglich sogar aufklärerischem Impetus, Erklärungstafeln etc. wie man es im Naturkunde- und Technikmuseum kennt. Aber nein, diese Konsequenz verweigert das Museum, Design wird zwar nicht auf ein Podest gestellt, aber dennoch so wortlos präsentiert, wie es nur Kunst verträgt. Das Problem: Design erschließt sich nicht rein sinnlich. Die Museen sollten voll sein mit Industriedesignern, die erklären, warum die Dinge so aussehen. Und mit Kulturwissenschaftlern. Design beeinflusst so vieles und ist von so vielem beeinflusst, aber das steht nicht drauf, dass muss man wissen. Design braucht Vermittlung! Bitte!

Die Dringlichkeit dieser Bitte liegt nicht zuletzt darin begründet, daß dem Design vorgeworfen wird, nur Oberfläche zu sein. Und genau dies wird durch die Designmuseen, die doch zur Aufklärung verpflichtet wären, untermauert.

Bitte, Ihr Planer des neuen Designmuseums in Frankfurt, beerdigt das Konzept des Kunstgewerbemuseums, zertrümmert die Vitrinen und die die Chronologie!

 


Gescheiterte Popularisierung von Designgeschichte

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›Und kann man darauf auch sitzen? – Wie Design funktioniert‹, heißt das Buch von Bernd Polster, in dem er versucht, Designgeschichte ›unterhaltsam‹ zu vermitteln.

Mit ›Darf es ein bißchen weniger sein‹ überschreibt er das Vorwort und ich frage: Könnte es noch weniger sein? Und antworte mit selbst: Nein, schlimmer als in diesem Buch kann es glaube ich nicht kommen. Es ist ein Musterbeispiel dafür, wie man sich auf niederste Weise an das in den eigenen Augen ungebildete Publikum anbiedert und es dadurch arrogant für dumm erklärt. Immer wieder lässt er süffisant Insider-Wissen einfließen, wer wann wen wo und wie was hat, ohne dabei die Namen zu nennen, denn das gebildete Publikum weiß ja eh, wer gemeint ist. Herr Polster, wer genau ist denn nun ihre Zielgruppe? Der Kreis der 17 bärtigen Design-Insider, oder die ungebildete Masse? Selten habe ich mich derart über eine Publikation zum Thema Design geärgert und sollte natürlich kein Wort über sie verlieren, denn negative Kritik erhöht schließlich die Verkaufszahlen. Aber es ist mir unmöglich, meine Entrüstung für mich zu behalten. Es ist wohl bisher keinem anderen Autor gelungen, dem Design derart zu schaden, wie es Herrn Polster mit seinem Buch gelungen ist. Selten wurde Designgeschichte derart banalisiert und jeglicher Spannung beraubt. Ich bitte jeden: Kaufen Sie dieses Buch und verbrennen Sie es. Es wäre eine Schande, wenn etwas derartiges überliefert würde.